Herbst 2015|01 – Arbeitnehmerschaft auf sich allein gestellt?

AFI Barometer | Arbeitnehmer-Innen | Beteiligung | Gewerkschaften | Kollektivverträge | 19. Oktober 2015

Bei der Verteidigung der eigenen Interessen sei die Arbeitnehmerschaft zumeist auf sich allein gestellt, meinen die befragten Südtiroler Arbeitnehmer mehrheitlich in der neuen Ausgabe des AFI-Barometer Herbst 2015. Doch knapp die Hälfte aller Beschäftigten fühlt sich von den Gewerkschaften vertreten und geschützt.

AFI-Präsident Toni Serafini sieht das mit einem weinenden und einem lachenden Auge: „Bedenkt man, dass nur 25% der Arbeitnehmer in Gewerkschaften eingeschrieben sind, ist der Wert gar nicht schlecht. Andererseits gibt es viel zu tun. Die Gewerkschaften müssen das Vertrauen der Arbeitnehmer zurückgewinnen und die zweite Verhandlungsebene stärken.“

Das AFI | Arbeitsförderungsinstitut stellt in der zehnten Ausgabe des AFI-Barometers auch die Frage, welche Institution nach Ansicht der Befragten die Arbeitnehmer am besten schütze und vertrete. „Acht von zehn Beschäftigten erklären, sich in erster Linie selber um die eigenen beruflichen Interessen zu kümmern: für 45% trifft das voll zu, für 37% ziemlich, nur für 18% überhaupt nicht“, stellt Irene Conte, die das AFI-Barometer betreut, fest.

Dieses Ergebnis überrasche nicht besonders, spricht man doch seit Jahren von der Krise der Gewerkschaften, jener Institution, die den Schutz der Arbeitnehmerschaft auf ihre Fahnen geschrieben haben. Veränderungen in der Arbeitswelt haben die Gewerkschaften vor große Herausforderungen gestellt: Die immer stärkere Ausrichtung auf internationale Märkte, die Verteilung der Arbeit auf globaler Ebene und die ständigen Reformen des Arbeitsmarktes, so das AFI.

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Bei der Frage, wie sehr denn die Gewerkschaft die Interessen der Arbeitnehmer schützen würden, gehen die Antworten der Befragten auseinander: Etwa die Hälfte (47%) fühlt sich geschützt (17% sehr und 30% ziemlich), während die restlichen 53% eher misstrauisch sind: 39% fühlen sich nur wenig geschützt, 14% überhaupt nicht. Das Ergebnis ist aber trotz allem positiv zu bewerten, wenn man bedenkt, dass der Anteil der in einer Gewerkschaft eingeschriebenen Arbeitnehmer italienweit auf 25% geschätzt wird. Somit ist der Anteil der Arbeitnehmer, die der Gewerkschaft vertrauen, um ein Vielfaches höher als jener der eingeschriebenen Mitglieder.

Aus der Gesamtschau der Fragestellung kristallisieren sich zwei Gruppen heraus: auf der einen Seite stehen jene Institutionen, welche die Interessen der Arbeitnehmer ziemlich gut vertreten, auf der anderen Seite jene, die sie nur wenig schützen würden. Zur ersteren Gruppe gehören die Sozialverbände, die Lokalverwaltungen und Gewerkschaften. In die andere Gruppe fallen der Staat und die politischen Parteien: von diesen fühlen sich Arbeitnehmer kaum oder überhaupt nicht vertreten.