20. April 2013

Arbeit der Zukunft: wohin geht die Reise?

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Wo sollen in Zukunft in Südtirol Arbeitsplätze entstehen, in den Zentren oder in der Peripherie? Und geht hochproduktiv und nachhaltig gleichzeitig? Ein Dilemma.

 

Beginnen wir mit einigen Grundaussagen. Südtirol steht in Sachen Pro-Kopf-Einkommen im Ranking der Regionen Europas an 19. Stelle. Insofern war die wirtschaftliche Entwicklung der nördlichsten Provinz Italiens in der Langzeitbetrachtung eine Erfolgsgeschichte – zumindest pauschal gesehen. Wie so oft, wenn man ins Detail geht, gilt das mit Abstrichen. Auf der Grundlage verschiedener Indikatoren stellt man nämlich fest, dass diese dynamische Entwicklung nicht territorial homogen ausgefallen ist, sondern dass es sehr wohl Unterschiede in den Wachstumsdynamiken einzelner Gebiete gegeben hat. Belegt wurde dies bereits durch Studien in Zusammenhang mit dem Thema der „abwanderungsgefährdeten“ Gemeinden. Ein noch ungenügend erforschter Aspekt ist die territoriale Verteilung der Arbeitsplätze. Wirtschaftspolitisch heikel dürfte vor allem die Frage sein, worauf Südtirol in Zukunft setzen soll: auf die hochproduktiven Arbeitsplätze, die vorwiegend in den Zentren entstehen oder auf Arbeitsplätze in der Peripherie, die zwar mit einer etwas geringeren Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung verbunden, aber gleichzeitig Garantie für die ländliche Entwicklung sind? Doch der Reihe nach.

Da stehen einerseits die Zentren bzw. die Gebiete entlang der Hauptverkehrsachsen. In der Regel sind dort die größeren Betriebe angesiedelt – speziell Industrie, Großhandel und größere Dienstleister. Diese Leitbetriebe ziehen Beschäftigung aus der Umgebung an, sind im Verhältnis größer strukturiert und durch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitsproduktivität geprägt. Insofern dürfte nicht verwundern, dass die Stadt Bozen alleine rund 30% der Wirtschaftsleistung Südtirols generiert.

Auf der anderen Seite stehen die Berg- und Randgemeinden. Neben der starken Präsenz der Landwirtschaft hat hier auch der Tourismus – zum Teil überaus erfolgreich – Fuß gefasst. Handwerk und kleinstrukturierter Einzelhandel sind ebenfalls ein wichtiger Teil des Wirtschaftsgefüges. Die Beschäftigungsmöglichkeit in der Peripherie ist für ArbeitsnehmerInnen nicht nur Einkommensquelle, sondern auch ein Gewinn an Arbeits- und Lebensqualität, erspart man sich doch auch Zeit, längere Pendlerstrecken zurückzulegen. Für Familien bedeutet dies eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Fast immer sind in diesen Gebieten Kleinstunternehmen tätig, mit beschränktem Marktradius und unterdurchschnittlicher Arbeitsproduktivität.

Was sich hier relativ unproblematisch präsentiert, könnte für die Südtiroler Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik schon bald zum Dilemma werden. Auf einer Seite stellt sie den Anspruch, den Strukturwandel, die Innovation und die Produktivitätssteigerung voranzutreiben, was sich am einfachsten dadurch bewerkstelligen ließe, dass man Gewerbegebiete in den Zentren ausweist und eine gezielte Ansiedlungspolitik betreibt. Gegeben ist aber auch der politische Wille, den strukturschwachen Gebieten unter die Arme zu greifen und für Arbeitsplätze in der Peripherie zu sorgen. Das Ganze sollte auch noch möglichst „nachhaltig“ erfolgen, also mit Rücksicht auf den sensiblen ökologischen Raum. Hohe Arbeitsproduktivität, ländliche Entwicklung, Innovation, vernünftige Raumordnung, hohes Maß an Naturschutz und gezielte Ansiedlungspolitik: geht das alles zusammen? Politik und Sozialpartner sind jedenfalls ein weiteres Mal gefordert, vorausschauend zu denken.

Dieser Artikel ist erstmals in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung/Sonntag“ erschienen.

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