19. Juni 2016

Ein Land schrumpft

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Erstmals seit 90 Jahren ist die Bevölkerungszahl in Italien rückläufig. Die damit verbundenen Problematiken sorgen für Gesprächsstoff.

In der Regel sind Bevölkerungszahlen bestenfalls eine Randmeldung wert. Die Zahlen, die das nationale Statistikinstitut ISTAT letzte Woche bekannt gegeben hat, schafften es aber auf die Titelseiten: Am 31.12.2015 waren in Italien 60.665.551 Personen ansässig. Zum ersten Mal seit 90 Jahren schrumpft die Bevölkerung im Staatsgebiet, und zwar um ganze 130.061 Einheiten. Der Rückgang betrifft Personen mit italienischer Staatsbürgerschaft (-141.777). Die Einwohner mit ausländischer Staatsbürgerschaft nehmen leicht zu (+11.716). Hauptgrund für den Bevölkerungsrückgang ist der negative Saldo zwischen Sterbefällen und Geburten (knapp -162.000). Demgegenüber ist der Wanderungssaldo (Einwanderungen minus Auswanderungen) nach wie vor positiv (+133.000), wenn auch nicht mehr im Ausmaß vorangegangener Jahre.

Die Interpretationen sind unterschiedlich. Fakt ist, dass Italien schon seit einigen Jahrzehnten nicht gerade nachwuchsfreundlich ist. Die Gründe dafür sehen die meisten in der hohen Arbeitslosigkeit und einem Einkommensniveau, das junge Paare vom Kinderkriegen abschreckt. Aber auch die Wohnpolitik und der Wohlfahrtsstaat sind in Italien nicht gerade jugend- und familienfreundlich, wie Vergleiche mit anderen europäischen Staaten zeigen. Die Folge: In Italien liegt die Fertilitätsrate unter 2 Kindern pro Frau, was mathematisch eine gleichbleibende Bevölkerungszahl auch ohne Einwanderung garantieren würde.

Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt ein Problem ist, wenn die Bevölkerung schrumpft. Die Bevölkerungszahl ist wohl die wichtigste Kenngröße einer Gesellschaft. Ob Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Renten- oder Bildungssystem, alle sind beeinflusst von der Bevölkerungszahl. Sie bestimmt indirekt die Wirtschaftskraft einer Nation. Sie bestimmt das zukünftige Arbeitskräftepotential. Sie zeigt auf, über welche Humanressourcen morgen das System verfügen kann. Sie sorgt für den Stabwechsel der Generationen und damit für stabile Renten- und Sozialversicherungssysteme.

Zu bedenken ist, ob die Weltbevölkerung so wie bisher weiter wachsen kann. Heute leben 7,4 Mrd. Menschen auf der Welt, im Jahr 1927 waren es noch 2 Mrd. Es ist schlussendlich eine Frage der geopolitischen Gleichgewichte. Und der Loslösung von Systemanforderungen. Wer sagt denn, dass wir Kinder brauchen, um Rentensysteme abzusichern? Möglich wäre auch, das System an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Wochenendausgabe der „Die Neue Südtiroler Tageszeitung, 18./19. Juni 2016

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