17. Juli 2016

Die Minusgesellschaft

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Sinkende Verbraucherpreise, Deflation, Zinsen unter null. Momentan scheint es nur in eine Richtung zu gehen, nämlich nach unten. Nur vorübergehend?

Aktuell schaut es danach aus, dass vor allem Eines Hochkonjunktur hat: das Minuszeichen. Unternehmen klagen über sinkende Preise im Verkauf. Fallende Rohstoffpreise führen zu deflationären Tendenzen. Sogar Zinsen rutschen ins Minus – siehe die Negativ-Rendite von zehnjährigen bundesdeutschen Staatsanleihen. Diese konjunkturelle Lage wäre weiter nicht problematisch, würde es sich nur um das normale Auf- und Ab der Wirtschaft handeln. In der Vergangenheit folgten auf Abschwung und Rezession stets lange Aufschwung- und Boom-Phasen. So konnte der Wohlstand in Europa über Generationen hinweg gesteigert werden.

Was über Jahrzehnte als ungeschriebenes Gesetz galt, könnte nun ernsthaft ins Wanken kommen. Laut Der Spiegel scheint es, als löse sich eine lange als gültig geglaubte Gewissheit auf. Die Gewissheit, dass es der nächsten Generation besser gehen werde als der vorhergehenden. Die „Babyboomer“, also die Jahrgänge der 1960er, hätten ziemlich paradiesische Zeiten erlebt, so Der Spiegel weiter. Alle makroökonomischen Voraussetzungen waren damals zu Gunsten der jungen Generation. Die Wirtschaft florierte über viele Jahre, die Zinsen waren hoch und die Sozialabgaben vergleichsweise niedrig, auch weil die Babyboomer, weil zahlreich, die Rente der Kriegsgeneration problemlos stemmen konnte. Heute haben sich die Vorzeichen all dieser Faktoren ins Negative gekehrt. Auch die Arbeitswelt hat sich im Lauf der Zeit dramatisch gewandelt: Staatsunternehmen wurden privatisiert, Branchen gerieten in Straucheln, zahllose prekäre Jobs entstanden. Heute halten zeitlich befristete Verträge selbst Akademiker über Jahre in einer Spirale der Unsicherheit. In Deutschland wird nur jeder dritte Angestellte nach einer Befristung übernommen. Gerade in Branchen, die in den letzten Jahren in eine Krise schlitterten oder unter Kostendruck gerieten, ist eine regelrechte Klassengesellschaft zwischen neuen und alten Beschäftigten entstanden, de facto also zwischen Jung und Alt. Darüber hinaus machen es die aktuellen Niedrigzinsen den Jungen schwer, Geld anzuhäufen und sich ein finanzielles Polster zuzulegen. Beobachter warnen davor, einen Generationenkonflikt herbeizureden. Gleichzeitig sehen sie aber auch in den inzwischen alt gewordenen Babyboomern eine demografische Macht und eine mächtige Lobby, die ihre Überzahl ausnutzt, um ihren Status quo zu zementieren. Der Brexit ist exemplarisch für dieses Dilemma. Die britischen Wähler jenseits der 50 haben mehrheitlich für den EU-Austritt gestimmt und den jungen Briten damit eine Entscheidung aufgezwungen, die sie womöglich um ihre Chancen bringt.

Dieses „Wirtschaft Quer“ Nr. 168 ist erstmals in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung vom 16./17. Juli 2016 erschienen.

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