28. August 2016

Südtirol – von wegen niedrige Exportquote!

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Die Außenhandelsstatistiken verleiten zur Annahme, Südtirol sei exportträge. In Wirklichkeit ist kaum eine Region so außenorientiert wie Südtirol.

Als klassisches Durchzugsland schleust Südtirol viele Waren aus dem deutschen in den italienischen Wirtschaftsraum. Gleichzeitig importieren Südtirols Unternehmen Rohstoffe und Halbfertigprodukte vorwiegend aus Norditalien.

Forklift with cardboxes on calculator. Calculation of shipping dBedingt durch die kleinbetriebliche Struktur ist der Warenhandel mit dem Ausland nicht annähernd so stark entwickelt wie beispielsweise im Veneto oder in Bayern. Stark ist Südtirol aber im Tourismus. So stark wie keine andere italienische Provinz mit Ausnahme von Rimini. Umgekehrt findet ein gewisser Kaufkraftabfluss statt, weil Südtiroler auch außerhalb des Landes einkaufen. Wie schaut nun die Bilanz all dieser Waren- und Kaufkraftflüsse unterm Strich aus? Die Antwort findet sich in der ASTAT-Mitteilung Nr. 63/2014, wo die sogenannte Input-Output-Tabelle den Wirtschaftskreislauf in Südtirol vereinfacht darstellt. Damit lässt sich die Verflechtung der heimischen Wirtschaft mit dem restlichen Staatsgebiet und mit dem Ausland ableiten. Und hier zeigt sich die wahre Außenorientierung Südtirols.

Beginnen wir mit den auswärtigen Handelsbeziehungen. Die Ausgaben der Touristen in Südtirol gelten als Export, weil damit ja Kaufkraft ins Land fließt. Die Ausgaben der Südtiroler im Ausland gelten als Import, weil es ein Kaufkraftabfluss ist. Meraner Frühling - Blühendes Meran, SüdtirolSo gerechnet exportiert Südtirol Leistungen (Warenausfuhr plus Touristen) im Gesamtwert von 6.471 Mio. €. Im Gegenzug importiert Südtirol Leistungen (Wareneinfuhr plus Auslandsausgaben von Südtirolern) im Wert von 4.047 Mio. €. Der grenzüberschreitende Saldo ist mit 2.424 Mio. € eindeutig positiv.

Anders die Wirtschaftsbeziehungen Südtirols zum restlichen Staatsgebiet. Die Ausfuhr von Waren in andere Provinzen und die italienischen Touristen schwemmen Kaufkraft im Wert von 6.767 Mio. € ins Land. Durch unsere Einkäufe in anderen italienischen Regionen fließen hingegen 7.579 Mio. € an Kaufkraft aus Südtirol ab. Der „interregionale“ Saldo fällt mit minus 812 Mio. € negativ aus.

Das ASTAT mahnt in der Interpretation der Zahlen zur Achtsamkeit. Abhängig vom Exportwert, den man mit dem BIP ins Verhältnis setzt, erhält man für Südtirol folgende Ergebnisse: 22,0%, wenn nur der Export von Gütern ins Ausland berücksichtigt wird; 51,1%, wenn auch der Export von Gütern in die anderen Regionen Italiens berücksichtigt wird; 70,6%, wenn auch die Ausgaben der Nicht-Wohnbevölkerung hinzugezählt werden. Zum Vergleich: Letzterer Wert beträgt für Italien 28,4%.

Von wegen eingeigelt! Südtirol ist ein ausgesprochen außenorientiertes Land.

 

Dieser Artikel ist erstmals in der Samstag/Sonntag-Ausgabe der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ vom 27./28. August 2016 erschienen.

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