09. Oktober 2016

Schulden einmal anders gelesen

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Sind wir wirklich jene hoffnungslos überschuldete Gesellschaft, als die man uns mit Hilfe der Statistik immer wieder darstellt? Oder ist das Bild einfach nur unvollständig?

Es ist die Meldung, mit welcher der Internationale Währungsfonds diese Woche hat aufhorchen lassen: Die weltweiten Schulden haben den Rekordstand von 152 Billionen Dollar erreicht. Dies entspricht 225 % der globalen Wirtschaftsleistung. Vereinfacht ausgedrückt: Alle Erwerbskräfte der Welt müssten 2 Jahre und 3 Monate gratis arbeiten, um den Schuldenberg abzubauen. Der IWF hebt weiter hervor: Während in den USA seit der Finanzkrise 2008 Schulden abgebaut worden sind, haben diese insbesondere in China und Brasilien deutlich zugelegt. Die IWF-Experten sehen das mit Sorge. Statistiken über staatliche und private Verschuldung haben seit dem Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers und dessen Folgen Hochkonjunktur. Schade nur, dass sie unvollständig und somit wenig aussagekräftig sind.

Der erste Fehler: Der Schuldenberg wird in Bezug zum Bruttoinlandsprodukt gesetzt. Man vergleicht damit eine Bestandsgröße mit einer Flussgröße. Die so gewonnene Verhältniszahl sagt bestenfalls aus, wie viele Jahre es bräuchte, um Schulden vollständig abzubauen, wenn die ganze Wirtschaftsleistung eines Jahres in die Tilgung der Schulden fließen würde. Aussagefähiger wäre schon der Vergleich zwischen Schulden und Vermögen, bilanztechnisch gesprochen zwischen Passiva und Aktiva. Wenn ein Staat Schulden macht, dann nicht grundlos. Er setzt das geliehene Geld ein für den Bau von Straßen, Schulen, Krankenhäusern, sozialem Wohnbau. Damit sind Vermögenswerte entstanden! Das Land Südtirol beispielsweise hat ein Vermögen in der Höhe von 8,18 Mrd. € (Stand: 2014) in seinen Büchern stehen. Den größten Teil des Landesvermögens machen übrigens die Straßen im Wert von 2,668 Mrd. € aus. Nach dieser Logik könnte eine hohe Staatsverschuldung dann in Kauf genommen werden, wenn dieser ein hoher Wert an Staatsvermögen gegenübersteht.

Der zweite Fehler: Summiertes Vermögen und summierte Schulden sagen nichts aus über deren Verteilung. Die Tatsache, dass jemand ein Bankdarlehen von einer Milliarde Euro hat, ist ja nicht als Schieflage zu werten, wenn man damit zum Beispiel ein Haus zum selben Gegenwert erworben hat, das Rendite abwirft. Die Frage ist vielmehr, ob diejenigen, welche Schulden haben, auch die entsprechenden Vermögenswerte besitzen. Wenn wir den Gedanken auf die Spitze treiben, dann können wir uns leicht vorstellen, dass es nur schuldenfrei Vermögende und besitzlos Verschuldete gibt. Das zeigt uns in reiner Form an, was für eine große Ungleichheit es in einer Gesellschaft geben könnte, eine Ungleichheit, die von den Statistiken nicht erfasst würde.

Denn ausschlaggebend ist am Ende, wer in einer Gesellschaft das Vermögen hat und wer die Schulden.  Eine korrekte Abbildung der Vermögens- und Schuldenverteilung in der Statistik wäre zentral, um eine vernünftige Umverteilungspolitik vornehmen zu können.

Zuerst erschienen in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 8./9. Oktober 2016.

 

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