25. Dezember 2016

Mehr Schein als heilig

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Rom, Mailand: Nach wie vor ist Italien stark von Korruptionsskandalen gebeutelt. Doch auch Südtirol ist gegen die Korruption nicht immun.

Weihnachten steht für eine Zeit des Heils und des Friedens. Mit der Geburt Christi ist eine neue Moral und Ethik eingekehrt. Vieles steht an Weihnachten unter dem Einfluss des Heiligenscheins. Einen anderen Eindruck bekommt man, wenn man das allgemeine Tagesgeschehen in der italienischen Politik mitverfolgt. Was in den Städten Rom und Mailand abläuft, ist wohl alles andere als ethisch. In Rom steht die Regierung von Virginia Raggi unter dem akuten Verdacht von Korruption und Interessenskonflikt. Ähnliches spielt sich in Mailand ab, vor allem in Zusammenhang mit der Vergabe öffentlicher Aufträge bei der Expo 2015. In Rom hatte die 5-Sterne-Bewegung im Wahlkampf der Korruption in der Hauptstadt den Kampf angesagt. Nun ist sie an der Regierung und steht selbst in der Kritik und mitten drin in Skandalen.

Wären es nur Einzelfälle, könnte man noch darüber hinwegsehen. Doch internationale Studien stellen ganz allgemein Italien kein gutes Zeugnis in Sachen Transparenz aus. Die wohl renommierteste Quelle in diesen Zusammenhang ist das Ranking von Transparency International, das in der Regel jährlich Ende Jänner veröffentlicht wird. Von 167 Länden, die in der letzten veröffentlichten Rangordnung berücksichtigt wurden, platziert sich Italien auf Rang 61, hinter Oman und vor der Türkei. Die Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder Dänemark, Finnland und Schweden. Deutschland ist auf Platz 10, Österreich auf Platz 16.

Von den römischen Zuständen ist das „Heilige Land“ Südtirol weit entfernt – möchte man meinen. Statistische Erhebungen des ASTAT zeigen ein anderes Bild: 3 von 10 Südtirolern glauben, dass Korruption natürlich und unvermeidbar sei. 60% der Südtiroler finden es sehr oder ziemlich gefährlich, Korruption anzuzeigen. Ein Drittel der Südtiroler würde Rechnungen eines Freiberuflers schwarz zahlen, wenn dieser ihnen das vorschlagen würde und für knapp ebenso viele Südtiroler ist Steuerhinterziehung nur ein Kavaliersdelikt. Jeder zweite Südtiroler findet es richtig, einen Job über persönliche Empfehlungen zu erhalten. Letzteres deckt sich wiederum mit Erhebungen des AFI. Auf die Frage, was heute zähle, um beruflich weiterzukommen, antworten die Südtiroler Arbeitnehmer, es zählten soziale Herkunft und Beziehungen mehr als Leistung und berufliche Fähigkeit.

Der Neujahrsbeginn ist meist die Stunde der guten Vorsätze. Ein Vorsatz könnte jener sein, eine gewisse Scheinheiligkeit abzulegen und in allen Dingen, die mit Korruption in Verbindung stehen, mehr Bürgersinn  und Zivilcourage zu beweisen.

Erstmals erschienen in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 24. Dezember 2016

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