22. Januar 2017

Drei schlechte Zitate und ein gutes

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")
Ist der Weg wirklich schon das Ziel?

Geflügelte Worte sind kleine Lebensweisheiten, die der Orientierung dienen können. Wie gefährlich, wenn man die falschen auswählt.

Ich will gerade mein ‚Wirtschaft Quer‘ für diese Woche vorbereiten, zum Zukunftstrend „Nutzen statt Besitzen“, da hüpft mich aus den Unterlagen das grottenschlechteste Zitat an, das mir bekannt ist. In einem kurzen Moment der Besinnung entscheide ich, dass es in meinem persönlichen Ranking sogar noch zwei weitere übertrifft, die ich besonders schlecht finde. Das ruft nach Rache und muss unbedingt niedergeschrieben werden! Also los geht’s.

Platz 3 der allerschlechtesten Zitate geht an „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, ein Spruch, der dem von mir sonst hoch geschätzten Helmuth Schmidt zugeschrieben wird. Man kann zwar Pragmatismus und Realpolitik gelten lassen, aber das steht doch in keinem Verhältnis zu dem, was viele Visionäre – ich denke da an Erfinder, Entdecker, Wissenschaftler, Künstler – der Gesellschaft als Vermächtnis hinterlassen haben. Das Bild von einer besseren Zukunft, der Antrieb, Neues kennenzulernen, der Frage nachgehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, das ist doch der wahre Reiz des Menschseins. Seien wir froh, dass es Menschen mit der Gabe gibt, sich die Zukunft anders und besser vorzustellen – Visionäre eben.

Platz 2 der schlechtesten Zitate: „Ich traue nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“. Diese Aussage wird Winston Churchill zugeschrieben, er soll sie aus einem ganz besonderen Anlass getroffen haben. Dass Zahlen unterschiedlich aufbereitet, gelesen und interpretiert werden können ist mir nur zu gut bekannt. Was ich nicht akzeptiere ist, wenn das Leute in den Mund nehmen, die schlichtweg keine Statistiken lesen können. Dieses geflügelte Wort darf kein Vorwand sein, sich nicht mit Fakten auseinandersetzen zu wollen.

Und nun zu meinem persönlichen Platz 1 der schlechtesten Zitate: „Der Weg ist das Ziel“. Diese fernöstliche Weisheit mag einen tieferen Sinn haben, aber im europäischen Kulturkreis ist dieser Satz vor allem eine beliebte Ausrede für Orientierungslose. Wenn das ein Politiker sagt, dann hat er ganz einfach keinen Plan – und spielt auf Zeit.

UNITED STATES OF AMERICA - 1968: shows Henry Ford (1863-1947)Viel besser klingt: „Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden“. Vor mehr als einem Jahrhundert hatte Henry Ford eine Vision: Jeder Amerikaner soll sich ein Auto leisten können. Ford hat Wege gefunden, um seine Vision zu verwirklichen.

 

Besessen von ihren Ideen waren auch Newton, Einstein, Leonardo da Vinci, Michelangelo, um nur einige zu nennen. Oder Archimedes von Syrakus. Als er in der Badewanne das nach ihm benannte Archimedische Prinzip entdeckte, soll er aufgesprungen und noch nackt durch die Stadt gelaufen sein, aufgeregt und laut „Heureka!“, „Ich hab’s!“ rufend. Ohne Leidenschaft läuft es eben nicht.

 

Zuerst veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 21.01.2017

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