13. August 2017

Zementierte Ungleichheit

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Jede dritte Altersrente in Südtirol beträgt weniger als 1.000 € brutto im Monat. Wie schafft man es, bei „Südtiroler“ Lebenshaltungskosten mit „italienischen“ Renten zu leben? Stefan Perini: „Das italienische Rentensystem führt zu einer übers Erwerbsleben hinaus fortgeschriebenen Einkommensungleichheit“.

Die Rente gehört zu den großen sozialen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts. In Italien machen heute die Renten 50% der Wohlfahrtsbudgets aus. Immer stärker zu bezweifeln ist allerdings, ob das Rentensystem auch gerecht und nachhaltig ist. Lassen wir Zahlen sprechen. Im Jahr 2015 betrug das Renteneinkommen in Südtirol pro Empfänger im Schnitt 17.935 € brutto, dabei sind alle Arten von Rente einbegriffen (Altersrente, Dienstalters- und Hinterbliebenenrente, Invalidenrente, Vorruhestandsgelder, Fürsorgerente). Der Südtiroler Durchschnittsbetrag ist im gesamtstaatlichen Vergleich ziemlich hoch. Doch wie schaut es beim einzelnen Rentenempfänger aus? Wie steht seine Rente in Bezug zu dem, was das Leben in Südtirol kostet?

Das ASTAT selbst stellt klar, dass es in Südtirol nicht mehr so toll aussieht, wenn man das durchschnittliche Renteneinkommen mit dem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Beziehung setzt. Das zeigt nämlich auf, wie die Rente zum allgemeinen Lebensstandard steht. Dieser Index des relativen Nutzens liegt in Südtirol trotz höherer durchschnittlicher Rentenzahlung bei 32,2%, während er gesamtstaatlich einen deutlich höheren Wert (44,9%) erreicht. Will heißen: Es lebt sich gar nicht so gut mit „italienischen“ Renten und „Südtiroler“ Lebenshaltungskosten.

Schauen wir jetzt auf die Verteilung der Rentenbezüge: 32,4% der Altersrentenempfänger bekommt weniger als 1.000 € brutto im Monat. 46,0% der Frauen erhalten Renten bis 1.000 €, bei den Männern liegt diese Quote bei 18,2%. Am anderen Ende bekommt 15,4% der Altersrentenempfänger pro Monat 2.500 € oder mehr: Das betrifft 23,0% der Männer und 8,1% der Frauen.

Diese Zahlen verdeutlichen einmal mehr, dass die Rente nichts anderes ist als der Fußabdruck der Erwerbsbiografie: Ausbildungs- und Karrierewege, Arbeitsunterbrechungen (familiär oder gesundheitlich bedingt), das gewählte Arbeitszeitausmaß – all das bildet sich über die eingezahlten Sozialabgaben im Rentenanspruch ab. Eine ungleiche Verteilung der Einkommen spiegelt sich Jahrzehnte später in einer ungleichen Verteilung der Renten wieder.

Das beitragsbezogene Rentensystem mag zwar annähernd leistungsgerecht sein, es ist aber dem Anspruch eines stärkeren sozialen Ausgleichs nicht dienlich.

Zuerst veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 12. August 2017

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