08. Oktober 2017

Weniger Ungleichheit nach Steuern

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Nicht nur Arbeitsmarkt-, Lohn- und Wohlfahrtspolitik können soziale Gerechtigkeit möglich machen. Auch das Steuersystem kann dazu beitragen.

Die Einkommensbesteuerung trägt in Südtirol deutlich zum Ausgleich der Einkommensunterschiede bei. Grund dafür sind nicht nur die Abzugs- und Freibeträge, sondern auch das steuerfreie Einkommen in der „No-Tax-Area“ und die progressiv ansteigenden Steuersätze nach Einkommensklassen. Von den Steuerabsetzbeträgen profitieren am meisten die Einkommen unter 35.000 €. Ohne jede Entlastung hätten die Südtirol Steuerpflichtigen im Steuerjahr 2015 über 2,5 Mrd. € an den Fiskus entrichten müssen. Unterm Strich sind es 1,9 Mrd. € netto geworden.

Ergeben hat dies eine Auswertung von Einkommenssteuerdaten des italienischen Wirtschafts- und Finanzministeriums, in dem das AFI den Umverteilungshebel im Steuersystem sichtbar macht. Das Hauptergebnis: Nach Begleichung der Einkommenssteuer ist in Südtirol die Ungleichheit geringer als zuvor. Dazu hat das AFI den Gini-Koeffizienten der Verteilung der Einkommen berechnet – einmal vor und einmal nach Steuern. Bekanntlich gibt der Gini-Koeffizient das Maß der Verteilung zwischen totaler Ungleichheit (Wert = 1) und totaler Gleichheit (Wert = 0) wieder. Die AFI-Analyse hat für Südtirol einen Gini-Index von 0,464 für die Verteilung der Bruttoeinkommen und von 0,406 für jene der Nettoeinkommen ergeben. Dies ist ein klarer Beleg, dass das System der Einkommenssteuer ausgleichend wirkt.

„Nach den Einkommenssteuern ist die Welt etwas besser als zuvor.“

Im Steuerjahr 2015 kam jeder fünfte Südtiroler Steuerpflichtige in den Genuss von Abzugs- und Freibeträgen im Gesamtwert von 370 Mio. €. Die Abschreibe- und Freibeträge betrafen zu gut 80% Ausgaben für Vorsorge und Gesundheit und zu knapp 15% die Zusatzrente. Einen bemerkenswerten Anteil von 12% machen die Abzugsmöglichkeiten für den Erstwohnsitz aus – insgesamt 32,7 Mio. €. So gut wie alle Südtiroler Steuerpflichtigen konnten gesetzlich festgelegte Aufwendungen absetzen, was den Brutto-Steuer-Ertrag für den Fiskus um 688 Mio. € minderte. Die hauptsächlichen Abzugsposten betreffen zu 60% Einkommen aus unselbständiger Arbeit und Rente und zu 15% die zu Lasten lebenden Familienmitglieder.

Jammern ist menschlich. Wer zahlt schon gerne Steuern. Doch es ist nun mal der Preis für eine friedliche und solidarische Gesellschaft.

Zuerst erschienen in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 7. Oktober 2017

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