Und sie dreht sich doch AFI-IPL Arbeitsförderungsinstitut Istituto Promozione Lavoratori
11. Februar 2018

Und sie dreht sich doch

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

In Deutschland dreht sich die Lohnschraube kräftig, und das im besonders gewichtigen Metallsektor. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften zeigen sich zufrieden.

Laufzeit 27 Monate, +4,3% mehr Lohn, jährliche Einmalzahlungen – das sind die wesentlichen Ergebnisse der Tarifverhandlungen der Metaller im Bundesland Baden-Württemberg. Darüber hinaus können die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie künftig ihre Wochenarbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf 28 Stunden absenken. Im Gegenzug dürfen Betriebe 40-Stunden-Verträge mit mehr Beschäftigten als bisher abschließen. Die Gewerkschaft IG-Metall hat durchgesetzt, dass es für die ersten 3 Jahresmonate 2018 eine Einmalzahlung von 100 € gibt – zusätzlich zur Lohnerhöhung, die bis 2020 gilt. Außerdem erhalten die Beschäftigten ab 2019 jährlich ein neues Zusatzgeld in der Höhe von 27,5% des Monatseinkommens sowie einen Festbetrag von 400 €. Letzterer – das haben die Arbeitgeber durchgesetzt – kann in wirtschaftlich schweren Zeiten gesenkt oder gestrichen werden.

Neue Wege schlagen die Sozialpartner im Sinne einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt ein. Sie behaupten nicht ohne Stolz, den „Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem für das 21. Jahrhundert“ gelegt zu haben. Beide Parteien wollen den Faktor Arbeitszeit flexibler handhaben. Arbeitnehmer können ihre Wochenarbeitszeit für bis zu zwei Jahre reduzieren und dies erneut beantragen. Arbeitgeber können etwa im selben Umfang Verträge mit über 40 Wochenstunden abschließen, was nach den Gewerkschaften Mitarbeitern entgegenkommt, die mehr verdienen möchten.

„Mut zum Mut beginnt damit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.“

In zwei Jahren wollen die Tarifparteien evaluieren, wie sich das bewährt, denn noch lässt es sich nicht einschätzen, wie viele eine 28-Stunden-Woche und wie viele 40+ Wochenstunden in Anspruch nehmen werden. Das deutsche System der Tarifverhandlungen zeigt sich einmal mehr geeigneter, einen Ausgleich zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite herbeizuführen als das italienische bzw. das territoriale.

„Mut zum Mut“ – um es mit den Worten des früheren Präsidenten des Unternehmerverbandes Stefan Pan zu sagen – beginnt mit dem beiderseitigen Gang an den Verhandlungstisch. Oder andersrum: Auch in Südtirol müssen den Worten Taten folgen. Jammern über fehlende Fachkräfte allein entschärft die Situation kein bisschen.

 

Erstmals veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 10. Februar 2018

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