Soziale Gerechtigkeit im Aufwind AFI-IPL Arbeitsförderungsinstitut Istituto Promozione Lavoratori
15. April 2018

Soziale Gerechtigkeit im Aufwind

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Dank der Erholung am Arbeitsmarkt geht es in der Europäischen Union wieder etwas sozialer zu. Das sagt der Index für soziale Gerechtigkeit.

Der neue Report „Soziale Gerechtigkeit in der EU“ der Bertelsmann-Stiftung ist da und stimmt positiv: In der Mehrzahl der EU-Länder geht es nach jahrelangem Abwärts wieder aufwärts mit der sozialen Gerechtigkeit. An der Spitze des Rankings 2017 im „EU Social Justice Index“ liegen wie gewohnt Dänemark, Schweden und Finnland. In der erweiterten Spitzengruppe folgen die Tschechische Republik, Slowenien, Niederlande, Deutschland und Österreich. Die Schlusslichter im Sozialindex der EU-28 sind Italien, Bulgarien, Rumänien und Griechenland.

Der Hauptgrund für die sozialen Verbesserungen ist die Erholung der Arbeitsmärkte, die nun auf die bisherigen Krisenländer übergreift, auch wenn in Südeuropa die Erwerbslosigkeit noch ausgesprochen hoch ist. Verbessert hat sich europaweit die Situation junger Menschen. Neben der rückläufigen Jugendarbeitslosigkeit lässt sich das auch an der sogenannten NEET-Rate ablesen. Dieser Indikator erfasst junge Menschen zwischen 20 und 24 Jahren, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden. Im EU-Durchschnitt liegt die NEET-Rate mit 16,7% zwar immer noch über dem Vorkrisenniveau (2008: 15%), Italien ist allerdings klares Schlusslicht mit dem erschreckend hohen Wert von 29,1%.

„Wirtschaftlicher Wohlstand und soziale Gerechtigkeit bedingen sich wechselseitig.“

2017 hat die EU-Kommission die tragenden Pfeiler der Sicherung von sozialer Gerechtigkeit in den Mitgliedsstaaten aufgezeigt („EU Pillar of Social Rights“):  Armutsprävention, gerechter Zugang zu Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt, soziale Kohäsion und Nicht-Diskriminierung, Gesundheit und Generationengerechtigkeit. Diese Handlungsfelder bedingen sich gegenseitig: Geringere Bildungschancen bedeuten geringere Chancen am Arbeitsmarkt und geringere Chancen auf ein höheres Einkommen. Geringverdiener können wiederum weniger in die Bildung ihrer Kinder investieren – ein Teufelskreis. Deshalb ist ein ganzheitlicher Blick auf die Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit, auf ihre Auswirkungen und auf die politischen Interventionsmöglichkeiten so wichtig.

Denn eines ist gewiss: Soziale Gerechtigkeit stellt sich nicht automatisch durch wirtschaftlichen Wohlstand und ökonomische Leistungsfähigkeit ein, wie SWR-Präsident Leo Tiefenthaler kürzlich verlauten ließ. Es braucht politische Weitsicht und konsequentes Handeln, damit sich nicht nur der europäische, sondern auch der Südtiroler Sozialindex nach oben entwickelt.

 

Erstmals veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 14. April 2018

 

 

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