04. September 2016

Amatrice

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Was sind 293 Menschenleben wert? Die Erdbebenkatastrophe in Mittelitalien rückt die Bedeutung von öffentlichen Investitionen in Zivil- und Landschaftsschutz wieder in den Vordergrund. Wobei man feststellen muss: Italien glänzt in der Solidarität und wankt in der Prävention.

Schreckensmeldungen folgen einem altbekannten Muster. Die erste Phase ist jene des Entsetzens. Die Emotionen haben Vorrang – es geht um Tote und Verletzte, man bangt um Menschenleben. Unmittelbar darauf folgt die Phase der Anklage: Wie konnte es dazu kommen? Hätte die Katastrophe vermieden werden können? Wer sind die Entscheidungsträger, die zur Verantwortung gezogen werden können? Die letzte Phase müsste eigentlich jene der Erkenntnis sein. Jene, die Lehren aus dem Geschehenen zieht.

Erdbebenkatastrophe vom 24. August in Mittelitalien. 24/8/2016 - Amatrice - Rieti - Italy - The earthquake that destrDie Dokumente der Regierung sprechen von 293 Toten und 285 Verletzten. Aktuell bewegen wir uns zwischen Phase eins und zwei. Mittlerweile weiß man Einiges über das Gesamtausmaß der Naturkatastrophe. Mehrere Schätzungen sind verfügbar. Sicher, Naturereignisse wie Erdbeben, Überschwemmungen, Erdrutsche und Wirbelstürme sind nie berechenbar und können auch nie gänzlich ausgeschalten werden. Sehr wohl aber können die Risiken für Menschen auf ein Minimum reduziert werten. Zum Beispiel, indem richtig gebaut und notwendige Sicherungsarbeiten durchgeführt werden.

Die Erdbebenkatastrophe in Mittelitalien ist nicht nur eine menschliche Tragödie. Auch rein wirtschaftlich wurden Unsummen an Volksvermögen vernichtet. Laut dem gesamtstaatlichen Rat der Ingenieure wurden für den Wiederaufbau nach Erdbeben in Italien von 1968 bis 2014 insgesamt 121,6 Mrd. € ausgegeben. Auf das Jahr gerechnet sind das 2,6 Mrd. € Steuergeld. Ohne Zweifel eine zusätzliche Belastung für die öffentlichen Haushalte. Wie in den Bereichen Gesundheit und Soziales wäre auch hier angesagt, auf Prävention zu setzen. emergenzaDas heißt, standfest zu bleiben gegenüber jenen, die Investitionen in den Zivilschutz nur als Kostenfaktor sehen. Ein schwieriges Unterfangen bei immer strengeren Budgetvorgaben und erhöhtem Rechtfertigungsdruck von Führungskräften im öffentlichen Dienst.

Italien wird nachgesagt, es hätte eine gute Solidaritätskultur, aber eben keine Präventionskultur. Auch in Südtirol sind Solidaritätsaktionen für die Erdbebenopfer in Mittelitalien angelaufen. Wer in bestimmten Gastbetrieben „pasta all´amatriciana“ isst, lässt den Erdbebenopfern 2 € zukommen. Die Aktion ist lobenswert, greift aber zu kurz. Wir sollten vielmehr in unserem Wertesystem das Soziale und die Umwelt auf eine Ebene mit der Wirtschaft stellen, anstatt beide der Wirtschaft unterzuordnen.

Das Denken in weiteren Horizonten und größeren Zusammenhängen würde das bringen, was wir wirklich wollen: Weiterentwicklung.

Dieser Artikel wurde erstmals publiziert in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ vom 03./04. September 2016

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