07. August 2016

Arbeitslos ist nicht gleich ohne Arbeit

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Dass Südtirols Arbeitsmarkt im Europavergleich gut aufgestellt ist, ist allgemein anerkannt. Trotzdem ist die Wirklichkeit vielfach komplexer, als es die Statistiken abbilden.

Südtirols Arbeitsmarktindikatoren können sich sehen lassen. Das machten einmal mehr die Kollegen der Arbeitsmarkt-Beobachtungsstelle deutlich: Mit 76,7% verzeichnet Südtirol auch im Jahr 2015 eine Erwerbstätigenquote bei den 20- bis 64-Jährigen, die deutlich über dem EU-Zielwert von 75% liegt (die Landesregierung strebt bis 2020 die Marke von 80% an!). Zwar sehen die Experten auch Schwachstellen, beispielsweise die schrittweise Verlagerung auf höhere Altersklassen und den Aufholbedarf bei der Frauenbeschäftigung, aber im Mittelpunkt des jüngsten Arbeitsmarktberichtes steht, dass Südtirol eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit von lediglich 3,8 % hat. Das bedeutet Rang 31 unter rund 300 Regionen Europas. Der Abstand Südtirols zu den besten Regionen Freiburg und Niederbayern beträgt lediglich 1,3 Prozentpunkte. Das Bundesland Tirol liegt mit 3,0 % an siebter Stelle, die Ostschweiz gleichauf mit Südtirol, das Trentino mit 6,8 % aber erst an 137. Stelle.

Keine bessere Gelegenheit als diese Erfolgsmeldung, um den Lesern zu erläutern, wie die Arbeitslosenquote europaweit errechnet wird. Das EU-Statistikamt Eurostat macht Stichprobenerhebungen, wobei  als erwerbstätig alle Personen im Alter von 15 oder mehr Jahren gelten, die in der Bezugswoche der Befragung mindestens eine entlohnte Arbeitsstunde geleistet haben. Erwerbstätig ist auch, wer eine Arbeit hat und gerade abwesend ist (Urlaub, Krankheit usw.) oder wer mit mindestens 50% Entlohnung freigestellt ist. Als arbeitslos gelten Personen im Alter von 15 bis 75 Jahren, wenn sie in den vier Wochen vor der Befragung mindestens einmal aktiv Arbeit gesucht haben und bereit sind, innerhalb von zwei Wochen eine Arbeit aufzunehmen. Oder: Wenn es fix ist, dass sie einen Job innerhalb der nächsten drei Monate bekommen und bereit sind, den Arbeitsbeginn auf die nächsten zwei Wochen vorzulegen.

So wertvoll die auf EU-Ebene harmonisierte Arbeitskräfteerhebung ist, so augenscheinlich sind auch ihre Schwachstellen. Ausgeklammert werden nämlich Geringbeschäftigung und Perspektivlosigkeit. Zwischen einer Stunde in der Woche arbeiten und vom Monatslohn leben zu können liegen Welten. Ganz zu schweigen von jenen krassen Fällen, wo Arbeit gar nicht mehr gesucht wird, weil die Chancen gleich Null sind. Das trifft für Südtirol zum Glück nur wenig zu. Anderswo färben sich die Statistiken rosiger als die Arbeitsmarktsituation in Wirklichkeit ist. Beispiel Deutschland: Die amtliche Arbeitslosenrate ist zwar relativ gering, gleichzeitig aber hat die Bundesrepublik im Jahr 2015 sage und schreibe 4,3 Mio. Hartz IV-Empfänger.

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in der Neuen Südtiroler Tageszeitung vom 6./7. August 2016

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