30. Juli 2017

Aus eigener Kraft

Die Banken vergeben weniger Unternehmenskredite, und doch investieren Südtirols Unternehmen derzeit auf hohem Niveau. Wie passt das zusammen?

Die Südtiroler Wirtschaft hat die Krise hinter sich gelassen, das zeigt sich in den Stimmungsindikatoren der Unternehmen und in den geplanten Investitionen. Wer sich umsieht hat den Eindruck, es sei regelrecht eine Investitionswut ausgebrochen. Viele mittelständische und international tätige Unternehmen bauen an architektonisch anspruchsvollen Firmensitzen, von anderen ist bekannt, dass entsprechende Pläne in der Schublade liegen. Einige Beispiele? Die Firmen Durst, Duka, Dr. Schär, Markas, Bergmilch Südtirol, Röfix, Salewa, Brauerei Forst, Rothoblaas, Lignoalp, Puni. Weiter noch: Die GKN-Gruppe setzt auf das Pustertal als Standort und will zwei neue Betriebsstätten in Sand in Taufers und Welsberg eröffnen. Einzelne Unternehmen verschreiben sich dem neuen Paradigma von Industrie 4.0 und stellen ganze Organisationsprozesse um. Damit verbunden sind Investitionen in Maschinen und Geräten der letzten Generation.

Geht man davon aus, dass Südtirols Privatwirtschaft momentan ein hohes Investitionsvolumen zu stemmen hat, so stellt sich die Frage, wie sie dieses zu finanzieren vermag. So müsste in Phasen starker Investitionstätigkeit bei gleichbleibender Eigenmittelausstattung das den Unternehmen eingeräumte Kreditvolumen eigentlich ansteigen. Die Statistiken der italienischen Nationalbank zeigen aber das genaue Gegenteil: 20,3 Mrd. € betrug das Kreditvolumen, das von Filialen in der Provinz Bozen insgesamt an Kunden eingeräumt wurde. 69% des Kreditkuchens entfiel auf Unternehmen, 26% auf Privatpersonen und 5% auf andere Kunden. Das an Privatpersonen eingeräumte Kreditvolumen steigt seit Jahren kontinuierlich an. Bei den Unternehmen ist die Kreditkurve unbeständiger. Seit Mitte 2016 ist die Dynamik sogar negativ, will heißen, das Kreditvolumen an Unternehmen ist rückläufig. Noch einmal stärker zum Ausdruck kommt das bei Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten.

Die positiven Einschätzungen der Ertragslage, die von Südtiroler Unternehmen abgegeben werden, lassen darauf schließen, dass sich ein guter Teil der Betriebe heute wieder deutlich in der Gewinnzone bewegt. Für die Finanzierung von Investitionen stehen dem Unternehmen also wieder mehr Eigenmittel zur Verfügung, während der Bedarf an Fremdmitteln sinkt. Die Arbeitnehmer spüren aktuell herzlich wenig vom Unternehmenserfolg. Trotz guter Stimmung, satten Unternehmensgewinnen, hoher Investitionsbereitschaft und geringerer Notwendigkeit an Fremdfinanzierung blicken sie durch die Finger.

„Vieles weist darauf hin, dass sich ein guter Teil der Südtiroler Unternehmen heute wieder deutlich in der Gewinnzone bewegt“ 

 

Zuerst veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 29. Juli 2017

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