31. Oktober 2015

Den einen wird’s geschenkt, die anderen…

von Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist riesig. Erbschaften treiben mit fast 40 Prozent die Vermögensunterschiede weiter auseinander. Immer mehr Arbeitnehmer meinen, dass nicht Leistung zu Wohlstand führt, sondern ein Glückspiel Namens Geburt. Wo liegt das richtige Maß?

82% der Südtiroler Arbeitnehmer finden, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten zehn Jahren größer geworden sei; 65% sind überzeugt, dass für den Aufstieg in der Gesellschaft vor allem Familie und Beziehungen zählen. Nur 35% schreiben ihn der Fähigkeit und dem Arbeitseinsatz der Person zu. Dies hat die Befragung im AFI-Barometer kürzlich ans Licht gebracht und das AFI dazu veranlasst, Südtirol das „Land der begrenzten Möglichkeiten“ zu nennen.

Einen wissenschaftlichen Beleg dafür erbringt nun das ‚Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche‘ (wiiw) im Auftrag der Arbeiterkammer Wien. Es wurde untersucht, wie sehr die Ungleichheit bei Vermögen in Österreich und anderen Euroländern (leider fehlt Italien) auf Erbschaften und Schenkungen zurückzuführen sei. Das klare Ergebnis: Erbschaften und Schenkungen verursachen in Österreich die meiste Ungleichheit. Bei der Streuung der Bruttovermögen haben sie einen Anteil von 40%. Ähnliche Werte gibt es nur noch in Deutschland und Zypern. In anderen Euroländern ist der Prozentsatz wesentlich kleiner. Da könne von Chancengleichheit keine Rede sein, so die Österreichische Arbeiterkammer. Wer erbt oder etwas geschenkt bekommt, hat keine eigene Leistung erbracht, wird aber steuerlich belohnt. Wer hingegen arbeitet, der hat schon etwas geleistet und muss dazu noch eine hohe Steuerleistung erbringen, sagt die Arbeiterkammer und bekräftigt damit ihre Forderung nach einer Wiedereinführung der Erbschafts- und Schenkungssteuer in Österreich.

Das würde wohl auch das sogenannte „Bruttonationalglück“ steigern. Der soeben gekürte Nobelpreisträger Angus Deaton belegt den Zusammenhang von Einkommen und Lebensglück wissenschaftlich. Seine Erkenntnis: Geld macht glücklich, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Einkommen über 75.000 US-Dollar hinaus führten nicht zu mehr Wohlbefinden und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Ein zu geringes Einkommen hingegen verschärfe das Gefühl des Unglücklich-Seins bei z.B. Scheidung, Krankheit oder Einsamkeit. Damit dürfte wohl eine Umverteilungspolitik legitimiert sein.

Dieser Beitrag ist erstmals in der Rubrik „Wirtschaft Quer“ in der Printausgabe der Neuen Südtiroler Tageszeitung erschienen

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