22. April 2018

Deutschland zeigt Mut

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")
Innenminister Horst Seehofer (Mitte) beim Tarifabschluss - Bildquelle (c) ZDF

Nach dem Tarifabschluss im Metallgewerbe schließt nun der öffentliche Dienst mit einer sehr guten Lohnverhandlung ab. Das ist beispielhaft.

In Südtirol stöhnt nicht nur die Privatwirtschaft unter dem Mangel an Fachkräften. Auch der öffentliche Dienst tut sich schwer, gute Mitarbeiter zu finden. Das, obwohl die Wartestands- und Mutterschaftsregelungen im öffentlichen Sektor wesentlich günstiger sind als in der Privatwirtschaft, ebenso wie die Gleichzeitregelungen und die Möglichkeiten, Teilzeit zu arbeiten. Unter der Regie von Landesrätin Waltraud Deeg will die Landesverwaltung nun auch den verstärkten Einsatz von Smart Working prüfen. Damit soll in Zukunft der Weg für orts- und zeitungebundene Arbeit für einen Teil der Belegschaft geebnet werden. An der Lohnschraube wurde demgegenüber in Südtirol nur wenig gedreht. Mit den Lohnerhöhungen, die in den letzten Verhandlungen durchgesetzt wurden, können die Gewerkschaften nicht zufrieden sein. Sie kompensieren nicht einmal die Inflation seit 2009.

Deutschland bewegt sich anders. Gerade in diesen Tagen wurde der neue Bereichsvertrag im öffentlichen Dienst abgeschlossen. Die rund 2,3 Mio. Beschäftigten erhalten bis 2020 rund 7,5% mehr Lohn. Mit der Einigung konnten großflächige Streiks bei Stadtverwaltungen, Müllabfuhren, Kitas, Krankenhäusern sowie im öffentlichen Nahverkehr und an Flughäfen vermieden werden, die bei einem Scheitern der Tarifverhandlungen die sichere Folge gewesen wären. Von Gewerkschaftsseite heißt es, durch diese grundlegende Aufwertung der Tabellenentgelte werde die Attraktivität kommunaler Arbeitsplätze gesteigert und die Wettbewerbsfähigkeit des öffentlichen Dienstes verbessert.

„Das AFI-Barometer zeigt, dass Arbeitnehmer vor allem in öffentlichen Dienst Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten vermissen.“

Besonders hohe Gehaltszuwächse verzeichnen jene Bereiche, in denen der öffentliche Dienst die größten Personalprobleme hat, also vor allem bei Führungskräften, Technikern, Ingenieuren und IT-Fachleuten. Über besonders kräftige Entgeltzuwächse können sich Berufseinsteiger freuen. Sie erhalten einen Lohnaufschlag von rund 10%. Je nach Entgeltgruppe geht es hier um von 200 € bis knapp 500 € mehr Gehalt. Ziel ist es, den öffentlichen Dienst im Werben um den Nachwuchs wieder konkurrenzfähiger gegenüber der Privatwirtschaft zu machen.

Was lernen wir für Südtirol? Die Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Privatleben sind sicher ein wichtiger Aspekt, um Nachwuchskräfte in der öffentlichen Verwaltung zu akquirieren. Mindestens gleich wichtig sind aber bessere Entwicklungs- und Aufstiegschancen.

Erstmals veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 21. April 2018

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