11. November 2016

„Die Gunst der Stunde nutzen“

Der Wandel am Arbeitsmarkt und die Digitalisierung stellen die berufliche Weiterbildung vor ganz neue Herausforderungen. Darüber beraten internationale Arbeitsrechtsexperten, Fachleute aus dem Bildungsbereich und Südtiroler Gewerkschaften im „Internationalen Arbeitsrechtlichen Dialog“. Ein erster Vorschlag ist, die Mittel des staatlichen „interprofessionellen Bildungsfonds“ für Südtirol autonom zu verwalten.

Prof. Luca Nogler von der Freien Universität Bozen und Werner Pramstrahler vom AFI sind die Promotoren der Tagung. Sie bringen die Sache auf den Punkt: „Es gilt, die Gunst der Stunde zu nutzen. Die Gelder der interprofessionellen Bildungsfonds müssen in Südtirol bleiben.“ Das gelinge, wenn Land und Sozialpartner gemeinsam vorgehen, sagen der Professor und der Forscher. Und es sei mehr Schwung im Bildungssystem nötig, ergänzt Christian Tecini vom Landesamt für berufliche Weiterbildung.

Wandel immer schneller

Wie steht es um die berufliche Weiterbildung in Europa und in Südtirol? Was sind die Folgen des immer schnelleren Wandels am Arbeitsmarkt? Diesen Fragen stellt sich der „VIII. Internationale Arbeitsrechtliche Dialog“, veranstaltet von der Vereinigung IAD, der Freien Universität Bozen und dem Arbeitsförderungsinstitut. Dreizehn internationale Arbeitsrechtsexperten, Fachleute aus dem Bildungsbereich und Südtiroler Gewerkschaften beleuchten an zwei Tagen die Systeme der permanenten beruflichen Weiterbildung aus einer europäischen Perspektive. Gestern (10.11.16) wurde über Stärken und Schwächen der beruflichen Weiterbildung diskutiert, über die Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen Regionen und Staat, die drohende Zentralisierung der Arbeitsmarktpolitik und das Zusammentreffen von Berufs-Nachfrage und Berufs-Angebot.

Stärken und Schwächen in Südtirol

In Südtirol sei die berufliche Weiterbildung größtenteils öffentlich finanziert. Die EU-Finanzierung spiele eine geringere Rolle, und das sei vorerst als Stärke zu werten, betonte Ressortdirektor Michael Mayr. Was allgemein fehle, sei eine objektive Messung der Wirkung von Weiterbildungsmaßnahmen. Riccardo Salomone von der ‚Agenzia del Lavoro‘ in Trient stimmte dem zu. Bei Weiterbildungsinitiativen wisse man selten um den konkreten Nutzen für die Arbeitnehmer. Außerdem fehle bei privaten Bildungsträgern die Neigung, hochwertige und maßgeschneiderte Projekte zu entwickeln. Die Bürokratie sei erdrückend – und im Unterschied zu Trient fehle es in Bozen an einer übergreifenden Koordinierung der beruflichen Weiterbildung, meinte er.

Welche Weiterbildung für wen?

Bei ESF-finanzierten Projekten entstehe nicht selten der Eindruck, die Projekte richteten sich weniger an dem aus, was die Beschäftigten am meisten brauchen, sondern vielmehr an dem, was die Weiterbildungseinrichtungen am besten können“, hieß es aus der Runde. Für kleine Betriebe müsse man stets ad-hoc-Lösungen anbieten. Aber selbst für spezialisierte Betriebe sei die Handhabung kompliziert: „Nischenbetriebe bedürfen einer Nischenweiterbildung“, berichtet Tecini aus seiner Erfahrung.

IAD – Internationaler Arbeitsrechtlicher Dialog 2016: Die Gestalter des Vormittags. V.l.n.r: Stefan Perini (Direktor AFI Arbeitsförderungsinstitut), Michael Mayr (Direktor Ressort Gesundheit, Sport, Soziales und Arbeit der Autonomien Provinz Bozen), Enrico Valenti-nelli (Präsident Fondimpresa Bozen), Luca Nogler (Universität Trient), Manuela Nocker (Vizepräsidentin der unibz), Christine Pichler (Präsidentin AFI Arbeitsförderungsinstitut), Riccardo Salomone (Präsident der Agenzia del Lavoro Trient), Christian Tecini (Amt für berufliche Weiterbildung der Autonomen Pro-vinz Bozen)
IAD – Internationaler Arbeitsrechtlicher Dialog 2016: Die Gestalter des Vormittags. V.l.n.r: Stefan Perini (Direktor AFI Arbeitsförderungsinstitut), Michael Mayr (Direktor Ressort Gesundheit, Sport, Soziales und Arbeit der Autonomien Provinz Bozen), Enrico Valenti-nelli (Präsident Fondimpresa Bozen), Luca Nogler (Universität Trient), Manuela Nocker (Vizepräsidentin der unibz), Christine Pichler (Präsidentin AFI Arbeitsförderungsinstitut), Riccardo Salomone (Präsident der Agenzia del Lavoro Trient), Christian Tecini (Amt für berufliche Weiterbildung der Autonomen Pro-vinz Bozen)

Jetzt gilt es zu handeln

Südtirols berufliche Weiterbildung könne jetzt einen Gang zulegen, so Univ. Prof. Luca Nogler und AFI-Forschungsmitarbeiter Werner Pramstrahler. Die beiden Promotoren der Tagung stecken ein klares Ziel ab: Es gelte, die Gelder der interprofessionellen Bildungsfonds in Südtirol zu halten. Gelingen kann dies ihrer Überzeugung nach unter zwei Voraussetzungen: Zunächst müsse das Abkommen, das die Landesregierung mit der Staatsagentur „ANPAL“ (Agenzia Nazionale per le Politiche Attive del Lavoro) abschließt, auf die interprofessionellen Bildungsfonds erweitert werden. Zweitens müssten sich Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände auf ein entsprechendes territoriales Abkommen verständigen. Ein koordiniertes und umsichtiges Vorgehen der Sozialpartner sei angesagt, so die Forscher.

Für weiterführende Informationen: Univ. Prof. Luca Nogler (luca.nogler@unitn.it) oder AFI-Forschungsmitarbeiter Werner Pramstrahler (werner.pramstrahler@afi-ipl.org, Tel. 0471 41 88 42).

AFI Pressemitteilung | Berufliche Weiterbildung