20. März 2016

Die zwei Arbeitsmärkte Südtirols

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")
In der täglichen Realität gibt es in diesem Land nicht einen einzigen, mehr oder weniger durchgängigen Arbeitsmarkt. Privatwirtschaft und Öffentliche Verwaltung unterscheiden sich so sehr in Struktur, Zielen und Zugang, dass sie zwei getrennte Arbeitsmärkte bilden.

Wer glaubt, Südtirol hätte einen Arbeitsmarkt, wo alles nach derselben Logik funktioniert, sollte sich die Zahlen des Amtes für Arbeitsmarktbeobachtung näher ansehen – eine gute Datenquelle, weil alle gemeldeten, unselbständig Beschäftigten erfasst sind. Im Jahr 2015 waren in Südtirol durchschnittlich 190.000 Arbeitnehmer beschäftigt (100.000 Männer, 90.000 Frauen). Die Privatwirtschaft stellt mit 140.000 Arbeitnehmenden 73% der Jobs, der Öffentliche Dienst mit knapp 50.000 Beschäftigten die restlichen 27%.

In der Privatwirtschaft arbeiten hauptsächlich Männer: insgesamt 86.000. Ihnen gegenüber stehen weniger als 54.000 Frauen. Gearbeitet wird vor allem in Vollzeit. Mit 30.000 Teilzeitjobs liegt die Teilzeitquote in der Privatwirtschaft bei 20%. Mehr noch: 23.000, also 80% der Teilzeitverträge werden von Frauen beansprucht.

Der Öffentliche Dienst hingegen ist sehr stark weiblich geprägt. Das hängt sowohl mit den Berufsbildern zusammen (Sekretärinnen, Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen, Altenbetreuerinnen und Pflegepersonal), als auch mit den angebotenen Arbeitsmodellen. Von den 50.000 Beschäftigten sind 38.000 Frauen und 13.000 Männer. Drei weiblichen Beschäftigten steht nur ein männlich Beschäftigter gegenüber. Mit 20.000 Teilzeit-Jobs ist Teilzeit im Öffentlichen Sektor verhältnismäßig stärker präsent (40%) als in der Privatwirtschaft. Teilzeit konzentriert sich hier noch stärker auf Frauen (90%). Auch infolge des Aufnahmestopps weist der Öffentliche Sektor mittlerweile in der Südtiroler Wirtschaft das höchste Durchschnittalter der Beschäftigten auf: 42,6 Jahre gegenüber 39,8 im Gesamtdurchschnitt. Also schon allein in der Belegschaft unterscheiden sich Privatwirtschaft und Öffentlicher Dienst stark.

Die Rekrutierung von Personal folgt in den Bereichen privat und öffentlich einer ganz anderen Logik: In der Privatwirtschaft nach freiem Ermessen des Arbeitgebers, im Öffentlichen Dienst mit öffentlichem Wettbewerb und nachweisbaren Zugangsvoraussetzungen. Im Öffentlichen Dienst ist so manche Anstellung auch mit dem gesellschaftlichen Ziel der sozialen Verantwortung legitimiert. Damit gliedert die Öffentliche Verwaltung Menschen, die am freien Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind, in die Gesellschaft ein. Weit auseinander liegen in Privatwirtschaft und Öffentlichem Dienst teils auch die kollektivvertraglichen Bestimmungen.

Es wäre wünschenswert, dass sich diese beiden großen Bereiche des Südtiroler Arbeitsmarktes aufeinander zu bewegen, damit man in Zukunft von einem einzigen Südtiroler Arbeitsmarkt sprechen kann.

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