14. Juni 2021

Einbeziehung der Mitarbeiter zahlt sich aus

Foto: Fotolia

EWCS Südtirol

Laut der vom AFI nach europäischem Standard geführten Erhebung der Arbeitsbedingungen arbeiten 29% der Südtiroler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Unternehmen mit hoher Einbeziehung. „Das heißt, sie können Arbeitsaufgaben großteils eigenständig entscheiden und werden ins betriebliche Geschehen eingebunden“, präzisiert AFI-Direktor Stefan Perini. „Damit liegt Südtirol in Sachen Einbeziehung der Mitarbeiter im EU-Durchschnitt“. Weniger erfreulich: Jeder Dritte der Befragten (33%) arbeitet für einen Arbeitgeber, der weder Gestaltungsspielraum gewährt noch aktive Mitarbeitereinbindung großschreibt.

Der Begriff „Einbeziehung“ besteht in arbeitspsychologischer Hinsicht aus Gestaltungsspielraum und Einbindung. Der am heutigen 14. Juni 2021 veröffentlichte AFI-Zoom belegt wissenschaftlich, warum Betriebe profitieren, wenn sie ihre Mitarbeiter einbeziehen. Als Grundlage dient die Europäische Erhebung zu den Arbeitsbedingungen EWCS (European Working Conditions Survey), die 2016 vom AFI | Arbeitsförderungsinstitut für Südtirol repliziert wurde, mit dem Ziel, die lokalen Ergebnisse in den internationalen Kontext einzubetten zu können.

Südtirol im EU-Schnitt

Die Südtiroler Werte zum Thema Einbeziehung ähneln jenen im deutschsprachigen Ausland (28-31% an Personen, die stark einbezogen werden) und liegen gleichauf mit dem EU-Durchschnitt. Besonders der Anteil an Arbeitnehmer/innen, die in Organisationen mit hoher Einbeziehung arbeiten (29%), ist positiv zu bewerten. Deutliche Unterschiede ergeben sich hier zu Italien (21%), wo zudem 43% der Arbeitnehmer in Organisationen arbeiten, die ihren Mitarbeitern weder Freiräume noch Mitsprachemöglichkeiten einräumen. Doch auch jeder Dritte der Südtiroler Befragten (33%) arbeitet in schwach einbeziehenden Betrieben – das sind jene, in denen die Mitarbeiter in erster Linie „von oben“ angeordnete Aufgaben erledigen, ohne an Entscheidungsprozessen beteiligt zu werden.

Akademiker haben mehr Chancen, eingebunden zu werden

Viel Freiraum, viel Einbindung: Genau die Hälfte (50%) der befragten Südtiroler Arbeitnehmer in Berufen, die einen Universitätsabschluss voraussetzen, ist laut Umfrage unter diesen arbeitspsychologisch günstigen Bedingungen tätig. In schwach einbeziehenden Organisationen und Unternehmen arbeiten hingegen überdurchschnittlich oft Hilfskräfte (59%), Handwerker (52%) sowie Bediener von Anlagen und Maschinen (49%). Es hängt somit auch und vor allem vom Bildungsabschluss ab, ob Arbeitnehmer im Laufe des Berufslebens von ihren Unternehmen einbezogen werden oder nicht. Dagegen ist Mitarbeitereinbeziehung keine Frage des Geschlechts: Männer und Frauen (je 29%) arbeiten statistisch gesehen gleich häufig in Unternehmen und Organisationen, deren Spanne von hoch einbeziehend zu wenig einbeziehend reicht.

Einbeziehung bedeutet mehr Arbeitsfreude und ein besseres Betriebsklima

Die EWCS-Erhebung ermöglicht es, diese statistischen Daten zum Thema Mitarbeitereinbeziehung mit konkreten Qualitätsmerkmalen in Verbindung zu setzen. „Ganz eindeutig zeigt sich etwa ein Zusammenhang zwischen dem Betriebsklima und dem Ausmaß von Mitarbeitereinbeziehung: Wer Mitarbeiter einbezieht und ernstnimmt, gewinnt. Ein gutes Betriebsklima erhöht nicht nur das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter, sondern wirkt sich auch messbar auf das Betriebsergebnis aus“, bestätigt der Arbeitspsychologe und AFI-Forscher Tobias Hölbling. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Arbeitsfreude: Mag der Unterschied von 0,4 Punkten zwischen Organisationen, die ihren Mitarbeitern viel Freiraum gewähren und/oder sie stark einbinden (Mittelwert 4,1 auf einer Skala von 1 bis 5), und jenen, die sie schwach einbeziehen (Mittelwert 3,7), auf den ersten Blick gering erscheinen, ist er doch statistisch signifikant. Die Auswirkungen sind jedenfalls weitreichend.

Gut einbezogene Arbeitnehmer arbeiten länger

Dies gilt auch für das gewünschte Pensionsantrittsalter der Befragten: In Südtirol geben 57% der Arbeitnehmer von Organisationen mit hoher Einbeziehung an, spätestens mit 60 in Rente gehen zu wollen (gegenüber 69% in Organisationen mit geringer Einbeziehung). 23% der befragten Arbeitnehmer von hoch einbeziehenden Unternehmen geben an, „so lange wie möglich“ arbeiten zu wollen; bei den gering einbezogenen Mitarbeitern sinkt der Wert auf 19% ab.

Stellungnahme von AFI-Präsident Dieter Mayr

„Wer Mitarbeiter einbeziehen will, sollte ihnen zunächst Gestaltungsspielraum in ihrem Arbeitsbereich zugestehen: Nicht nur ausführen, sondern auch planen dürfen, nicht nur abarbeiten, sondern auch selbst einteilen können. Das hält den Geist wach und motiviert. Mitarbeitereinbindung sorgt dafür, dass gute Ideen den Weg von unten nach oben finden, Fehlentwicklungen entdeckt und behoben werden, und dafür, dass sich die Mitarbeiter dem Betrieb verbunden fühlen.“

Der AFI-Zoom Nr. 57 „EWCS Südtirol – Warum profitieren Betriebe, wenn sie Mitarbeiter einbinden“ steht hier als Download zur Verfügung.

Nähere Informationen erteilt AFI-Forscher und Arbeitspsychologe Tobias Hölbling (T. 0471 41 88 42, tobias.hoelbling@afi-ipl.org).

AFI Pressemitteilung | Arbeitnehmer*innen | Arbeitsorganisation | Qualität der Arbeit