17. April 2016

Einen neuen Kompass bitte

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Der IWF hat diese Woche einmal mehr die Wachstumsprognosen nach unten revidiert. Traditionelle Instrumente, um die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen, zeigen nur mehr bedingt Wirkung. Muss uns das aufregen?

Die Ernüchterung kam vom Internationalen Währungsfonds Mitte dieser Woche in der April-Ausgabe des „World Economic Outlook“. Fazit: Der IWF revidiert die Wirtschaftswachstumsprognosen für alle wichtigen Länder erneut nach unten. Zu groß sei die allgemeine Unsicherheit aufgrund der Risiken in militärischen, politischen und wirtschaftlichen Feldern. Die neuen Prognosen des IWF für 2016 sind: +3,2% Wachstum für die Weltwirtschaft, +2,4% für die USA, +1,5% für Deutschland und +1,0% für Italien.

Politik und Zentralbanken versuchen schon seit Langem, die Konjunktur mit allen erdenkbaren, auch kreativen Mitteln, anzuschieben. Doch es scheint, dass die alten Rezepte der Fiskal- und Geldpolitik nicht ausreichend greifen. Zudem sind Staaten übergreifende Reformen schwer umzusetzen, weil in irgendeinem Land immer wieder Wahlen anstehen und es sich kein Politiker mit den Wählern verscherzen will.

In dieser Situation ist ein Moment der Reflexion angebracht. Es stellt sich die Frage, welchem Wachstumsmodell die moderne Gesellschaft eigentlich nachläuft. Seit Jahrzehnten ist das Bruttoinlandsprodukt die Referenzgröße, an der Erfolg und Misserfolg gemessen werden. Dabei kennen Fachleute längst die Grenzen und Schwächen dieser Berechnung. Das BIP ist eine fiktive Zahl als Endprodukt vieler Berechnungen, Schätzungen, zugrunde gelegter Parametern und Korrelationen. Auch wenn sich der Wert aller Produkte und Dienstleistungen mit hoher Genauigkeit bemessen ließe, so stellt sich dennoch die Frage, ob wirtschaftliches Wachstum an sich als gesellschaftliches Ziel angesehen werden kann. Wirtschaftswachstum ist nämlich nicht gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Entwicklung. Neue Messgrößen, welche die gesellschaftliche Dimension stark in den Vordergrund stellen, sind bereits Realität. So etwa hat die Bertelsmann-Stiftung den Index für soziale Gerechtigkeit entwickelt. Bewertet werden hier sechs Dimensionen: Armutsvermeidung, leistbare Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt, soziale Kohäsion und Nicht-Diskriminierung, Gesundheit und Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Von den 28 EU-Staaten schneiden Schweden, Dänemark und Finnland am besten ab. Italien liegt mit Bulgarien, Rumänien und Griechenland im Schlussfeld. Auch die OECD plädiert für ein besseres Verständnis der Lebensqualität und hat dafür den „Better-Life-Index“ entwickelt. Wirtschaftswachstum ist wichtig. Es bedeutet aber nicht automatisch Lebensqualität für alle. Gesellschaftlicher Fortschritt geht über Wirtschaftswachstum hinaus. Vielleicht kann der derzeitigen Krise auch etwas Positives abgewonnen werden: Sie kann zur Entmythologisierung des BIP führen.

Ersterscheinung in der Samstag/Sonntags-Ausgabe der Neuen Südtiroler Tageszeitung

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