01. Mai 2016

Fachkräfte sind keine Semmeln

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Südtirol Wirtschaft braucht immer und überall Fachkräfte. Das Problem kann entschärft, aber nicht ganz gelöst werden. Weil sich Fachkräfte nicht wie Brötchen über Nacht backen lassen.

In regelmäßigen Abständen gibt es den Aufschrei in der Südtiroler Wirtschaft, die qualifizierten Arbeitskräfte würden ausgehen. In die Kritik genommen werden stets Berufsberatung und Bildungssystem, die nicht in der Lage seien, die notwendige Zahl an Fachkräften mit der gerade gefragten Qualifikation zu liefern. Wie der Fachkräftemangel behoben werden kann, darüber scheiden sich die Geister.

Den Bedarf bestmöglich voraussagen, sagen die einen.

Dieser Ansatz geht davon aus, dass über Befragungen und Analysen treffsicher genug vorausgesagt werden kann, was die Unternehmen an Fachkräften brauchen. Die Arbeitsmarktforschung kennt inzwischen aber zwei Probleme, die dem entgegenstehen. Erstens sind die Unternehmen nicht in der Lage, für mehr als 12 Monate vorauszusagen, was sie an Arbeitskräften brauchen. Gerade in unserer schnelllebigen Wirtschaft fahren Unternehmen verstärkt „auf Sicht“. Wer kann heute schon abzuschätzen, wie Auftragslage, Konkurrenzumfeld, Technik, Organisation, Produktivität in 2-3 Jahren ausschauen? Das müsste man aber können, um den Fachkräftebedarf richtig abzuleiten. Das Zweite ist die Laufzeit der Ausbildung. Fachkräfte lassen sich nicht über Nacht backen wie Semmeln. Der Ausbildungsweg dauert unter Umständen 5 Jahre. Selbst wenn wir wüssten, welche Fachkräfte Südtirols Wirtschaft im Jahr 2021 braucht, so müssten wir die entsprechenden Anwärter spätestens 2016 in Ausbildung schicken. Die Erfahrung zeigt hingegen, dass häufig das Angebot an Fachkräften erst dann am Markt abholbereit ist, wenn es schon zu spät ist. Die Unternehmer haben sich bis dahin meist anderweitig eingedeckt.

Gute Grundausbildung und Schlüsselkompetenzen, sagen die anderen.

Weil der Fachkräftebedarf mittelfristig schlecht abzuschätzen ist, die Ausbildungszeiten lang sind und Fachkräfte oft zu spät auf den Markt kommen, sollte die Ausbildung nicht zu „eng“ sein. Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Fachwissen eine Haltbarkeit von im Schnitt nur 5 Jahren hat und auch nachgeholt werden kann, setzen diese Experten auf solide Grundausbildung und Entwicklung von so genannten Schlüssel-kompetenzen.

rucksackMit beiden zusammen im „Rucksack“ lässt sich der lange Weg zum Arbeitsmarkt leichter bewältigen. Das AFI hat stets mit Überzeugung diesen zweiten Ansatz vertreten. Auch deshalb, weil die Erwerbsbiografien der jungen Generationen brüchiger sein werden als die ihrer Väter und Großväter. Gleicher Job ein Leben lang wird eher die Ausnahme sein als die Regel. Umso notwendiger ist es, allzeit anwendbare Kenntnisse und Fertigkeiten aus dem Rucksack holen zu können.

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