30. April 2020

Frauenarbeit: Aus dunkler Krise in das Licht

Der Erste Mai aus Gendersicht

Der gesundheitliche Notstand der letzten zwei Monate hat die Frauen an die vorderste Arbeitsfront geworfen. Viele Frauen, die in lebensnotwendigen Bereichen unermüdlich im Einsatz waren, viele Frauen, die, Zuhause eingesperrt, ihre Berufsarbeit im Homeoffice, das „E-Learning“ mit den Kindern und die Hausarbeit zugleich schaukelten – oftmals auf zu engem Raum, mit unzureichenden digitalen Geräten, die sich die ganze Familie teilen musste. „Mögen diese Monate der Kohabitation und des Co-Working der Re-Kalibrierung von häuslicher Arbeit und Kinderbetreuung, die wieder einmal vor allem von Frauen geleistet wurde, einen neuen Schub verleihen“, hofft die Vizedirektorin des AFI, Silvia Vogliotti. Dadurch könnten die dunklen Seiten dieser Krise in die hellen Farben einer aus Gendersicht gerechteren Arbeitswelt führen. 

Ein Erster Mai ganz anders als sonst, ohne Menschenansammlungen und Wiesenfeste, dafür aber mit vielen schwarzen Wolken über der Zukunft – ein Erster Mai nach zwei Monaten „Lockdown“. In dieser Zeit haben wir in Fernsehen und Zeitungen eine Vielzahl von arbeitenden Frauen gesehen. Bilder von Frauen in den vordersten Reihen im Kampf gegen das Virus und im Aufrechterhalten der lebensnotwendigen Dienste. Es sind die Arbeiterinnen dieser Krise, die Krankenschwestern, Ärztinnen, Pflegerinnen, die Apothekerinnen, die Lebensmittelverkäuferinnen, die „digitalen“ Lehrerinnen und Frauen im Homeoffice. Weniger sichtbar in den Medien waren leider jene Frauen, die in der Krise ebenfalls lebensnotwendige Arbeit leisten wie die Heimpflegerinnen und Putzfrauen. Die Frauen hatten eine tragende Rolle in der ersten Phase des Gesundheitsnotstandes in den Krankenhäusern, den Apotheken, Altersheimen, Supermärkten, in den virtuellen Klassenzimmern, und auch im eigenen Heim.

Frauen und “Smart Working“

So zahlreich die Frauen, die jeden Tag aus dem Haus gingen, um das Notwendige zu besorgen, ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzend, so viele die Frauen, die aufgrund der Schulsperre sich Urlaub und Sonderurlaub nehmen mussten, um ihre Kinder zu beaufsichtigen. Die „Glücklicheren“ konnten als öffentlich Bedienstete oder als Privatangestellte in nicht essentiellen Bereichen von zu Hause aus weiterarbeiten, nicht ohne sich neue Arbeitsformen zu erfinden, die mit den familiären Bedürfnissen vereinbar waren. Viele berufstätige Mütter mussten sich als Lehrerinnen für ihre Kinder improvisieren und viele betreuten ihre pflegebedürftigen Angehörigen nach der Schließung aller sozialen Dienste für die Schwächsten der Gesellschaft. Beim Schulpersonal, wo der Frauenanteil in jeder Stufe und in jedem Bereich überwältigend ist, brachten sich viele, auch Alt-Lehrerinnen, nochmals ein, und schafften mit hoher Resilienz den Kehrschwung zur virtuellen Schule mit ihren elektronischen Registern und Plattformen für Online-Lektionen, mit Hausaufgaben via E-Mail und Online-Tests.

Frauen und der hybride Arbeitsplatz

Viele unserer Wohnungen verwandelten sich von Orten der Ruhe und Zerstreuung nach einem Tag außer Haus zu Misch-Räumen von Arbeit, Vollzeitschule und Freizeit ohne genaue Abgrenzungen. Überall, wo die Arbeit den physischen Raum in unserem Zuhause besetzte, hatten Frauen Schwierigkeiten, die Stunden der Arbeit von den Stunden der Freizeit zu trennen. Noch stärker diesem Druck ausgesetzt waren Alleinerziehende – vielfach Frauen – hin und her gerissen zwischen E-Mails und Skype-Besprechungen, zwischen virtuellen Klassenzimmern und Hausaufgaben, die den Lehrenden zurückgeschickt werden mussten, alles in einem Raum-Zeit-Kontinuum innerhalb von Wänden, die nicht für die digitale Arbeit und das Studium von mehreren Bewohnern gleichzeitig ausgelegt sind. Die „doppelte Frauenarbeit“ also, die mit dieser Krise auch den Männern sichtbar geworden ist, die sonst ihren physischen Arbeitstag außer Haus verbrachten, zusätzlich die Zeit für Überstunden, Außendienste und den Arbeitsweg.

Frauen und die große Gefahr der Ausgrenzung

Auch wenn die öffentliche Verwaltung und der öffentliche Gesundheitsdienst der jetzigen Wirtschaftskrise entgegenwirken, so werden doch viele hochgradig weiblich besetzte Branchen – die Tourismuswirtschaft ist nur eine davon – einen starken Einbruch der Beschäftigung erleiden. Viele Frauen blicken ohnehin schon keiner rosigen Zukunft entgegen. Es sind dies die arbeitslosen Frauen, jene mit befristeten Arbeitsverträgen, die wahrscheinlich nicht mehr erneuert werden, jene Frauen mit Jobs auf Abruf, Frauen mit geringer Qualifikation. Nicht alle berufstätigen Frauen haben die gleichen Zukunftschancen, vor allem im Hinblick auf die bereits existierende „digitale Kluft“ unter Frauen. Die Frauen, die schon vor der Corona-Krise am Rande des Arbeitsmarktes standen, riskieren, den höchsten Preis zu zahlen.

Frauen und der “Kollektivvertrag” in der Familie“

Mit geschlossenen Schulen von März bis September und mit der Sommerzeit in Schwebe, wo alles neu zu erfinden ist, wird mit den 15 Tagen außerordentlicher Elternurlaub und den 600 Euro Kinderbetreuungsbonus (Maßnahmen, die wahrscheinlich verlängert werden) klar, wie sehr es notwendig sein wird, die Organisation der Familie vollständig zu überdenken für die Zeit, in der Mütter und Väter Schritt für Schritt an ihre Arbeitsstätten zurückkehren. Wer weiß, ob nicht viele Väter –gleich ob Lohnausgleichskasse oder Homeoffice – von der unbezahlten und sonst für sie unsichtbaren Arbeit „angesteckt“ worden sind? Wird der Zwangsaufenthalt im Haus zur gleichmäßigen Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung auf beide Eltern führen? Wer weiß, ob nicht viele Unternehmen vom Smart Working „angesteckt“ wurden und dieses weiterhin anbieten, zum Beispiel für Eltern während des Sommers? „Für nicht wenige Familien hoffen wir, dass eine gerechte Aufteilung von unbezahlter Arbeit in der Art eines sozialpartnerschaftlichen „Tarifvertrages“ ausgehandelt haben. Dann würde die dunkle Corona-Krise ins Licht einer gerechteren Welt führen“, schließt Vogliotti.

Stellungnahme von AFI-Präsident Dieter Mayr zum 1. Mai

“Es bedarf einer sozialeren und gerechteren Wirtschaft auch aus Gendersicht; wir können Gewinn ziehen aus der aktuellen Krise, indem wir die Arbeitsorganisation überdenken, das Smart Working für Frauen und Männer fördern und Kinderbetreuungsdienste gewährleisten; zugleich sollten wir auch die Arbeitsteilung in den Familien überdenken, um eine rundum gerechtere Gesellschaft zu erwirken“.

Kontakt: AFI-Vizedirektorin Silvia Vogliotti (T. 0471 41 88 35, silvia.vogliotti@afi-ipl.org).

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