15. September 2015

Gute Sozialpolitik ist gute Wirtschaftspolitik

Soziale Gerechtigkeit macht sich bezahlt. Das zeigt der „Erste Bericht zu Wachstum und gerechter Verteilung“, gerade eben veröffentlicht vom Weltwirtschaftsforum.

Soziale Gerechtigkeit: Dafür konnten sich früher die Wirtschaftswissenschaftler nur am Rande begeistern. Heute ist das anders. Jüngst hat sich sogar das Weltwirtschaftsforum mit der steigenden Kluft zwischen Arm und Reich beschäftigt. In einer umfassenden Vergleichsstudie untersucht es 112 Staaten in Bezug darauf, wie das Wirtschaftswachstum gefördert und wie gerecht der Wohlstand verteilt wird. Die Wissenschaftler des Weltwirtschaftsforums kommen zum Schluss, dass massive Ungleichheiten nicht nur ein moralisches Problem sind, sondern auch ein ökonomisches. Wirtschaftsfreundlichkeit und gleichmäßige Wohlstandsverteilung sind keine Gegensätze. Ganz im Gegenteil, sie helfen einander. Eines der wichtigsten Argumente der Wissenschaft ist: Wenn das volkswirtschaftliche Wachstum bei sehr vielen Haushalten ankommt und deren Kaufkraft erhöht, dann erzeugt das eine kräftige und breitgefächerte Binnennachfrage, die wiederum das Wirtschaftswachstum ankurbelt.

Diese erste, umfassende Grundlagenstudie des Weltwirtschaftsforum beruht auf 140 Einzelindikatoren in sieben Bereichen: Bildung, Beschäftigung & Löhne, Vermögensbildung & Unternehmertum, Finanzintermediation, Korruption & Mieten, Infrastruktur & Grundversorgung, Steuertransfers.

Im Vergleich der 30 größten Industrienationen schaffen es die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und Finnland mit Kanada und Australien am besten, Wachstum und gerechte Verteilung unter einen Hut zu bringen. Schlecht schneiden die USA, Frankreich und die Mehrzahl an süd- und osteuropäischen Länder ab, darunter auch Italien.

Das Urteil über die soziale Gerechtigkeit im Stiefelstaat ist vernichtend. Das Weltwirtschaftsforum nennt Korruption, Schwarzarbeit und mangelnde politische Ethik als Hauptursachen für die Misere. Die hohe Arbeitslosigkeit gehe einher mit unfreiwilliger Teilzeitarbeit und prekären Arbeitsverhältnissen, die Erwerbsbeteiligung der Frauen sei gering, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen eines der höchsten, das Sozialsystem weder umfassend noch effizient.

Der Bericht macht überaus deutlich, wie sich die wirtschaftliche Produktion und die soziale Verteilung gegenseitig beeinflussen. „Gute Wirtschaftspolitik ist gute Sozialpolitik“, meinte der Südtiroler Unternehmerverband kürzlich. Die Ergebnisse des Weltwirtschaftsforums zeigen: der Satz gilt genauso andersrum: Gute Sozialpolitik ist gute Wirtschaftspolitik!

Stefan Perini

Direktor AFI | Arbeitsförderungsinstitut

 

Zuerst veröffentlicht in der Neuen Südtiroler Tageszeitung in der Rubrik „Wirtschaft Quer“/Sonntagszeitung (PDF)

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