10. Oktober 2015

Herzlose Zukunft?

von Stefan Perini, Direktor AFI | Arbeitsförderungsinstitut

Die moderne digitale Technik zieht verstärkt auch in soziale Berufe ein. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung wirft den Blick auf die Altenpflege von morgen.

Die Vorstellung ist gleichermaßen faszinierend wie furchterregend: Senioren werden nicht mehr von Menschen, sondern von Robotern gepflegt. Japanische Firmen haben schon Maschinen mit starken Armen und großen Kulleraugen entwickelt, sogenannte Personen-Lifter. Sie heben Menschen aus dem Bett und setzen sie in den Rollstuhl. In Europa sind wir vom Einsatz solcher Geräte zwar noch weit entfernt. Doch digitale Technik spielt in der Altenpflege schon heute eine große Rolle.

Ja zur Technik, wenn sie Qualität der Pflege verbessert

Wie schaut also die Altenpflege der Zukunft aus? Die deutsche Hans-Böckler-Stiftung ist in einer Studie zu folgendem Schluss gekommen: Das Potenzial der Technik kann Gepflegten und Pflegenden zugutekommen – aber nur, wenn es nicht zu kostengetriebener Rationalisierung, sondern zur Qualitätsverbesserung genutzt wird.

Pflegeberuf unter Stress – Hilfe willkommen

Wie das AFI kürzlich nachgewiesen hat, herrscht auch in Südtirol im Pflegesektor ein hohes Maß an prekärer Beschäftigung und zum Teil Fachkräftemangel. Die Arbeit ist körperlich wie psychisch anstrengend und muss häufig unter so großem Zeitdruck erledigt werden, dass die Beschäftigten ihren eigenen professionellen Ansprüchen nicht gerecht werden können. Ein Teil der Pflegekräfte scheidet vorzeitig aus dem Beruf aus – frustriert und gesundheitlich angeschlagen. Da ist jede moderne Technologie willkommen, die den Pflegebedürftigen das Leben und den Pflegekräften ihre Arbeit erleichtert: Vor allem Personen-Lifter, elektronische Akten, GPS-Überwachung von Demenzkranken und intensivmedizinische Apparaturen, die zuhause aufgestellt werden.

Technik allein ist zuwenig – der Mensch muss gewinnen

Erfolgt der Technikeinsatz hingegen aus Sparzwängen, kann der Schuss nach hinten losgehen: Entscheidend sei, dass die Technik nutzerfreundlich sei, den Bedürfnissen der Beschäftigten entspreche und in den Arbeitsalltag eingepasst werden könne, stellen die Forscher der Stiftung fest. Wenn, zum Beispiel, die Arbeit am pflegebedürftigen Menschen gestört werde, nur weil ständig irgendwelche Daten in die virtuelle Pflegeakte einzutragen sind, sei nichts gewonnen. Auch von den Pflegebedürftigen müsse neue Technik angenommen werden: Ohne ein gewisses Vertrauen begeben sie sich nur ängstlich und unter Protest in die „Arme“ einer Maschine.

Dein Freund, der Roboter

Gelinge es, erste Berührungsängste abzubauen, könne ein Personen-Lifter in emotionaler Hinsicht sogar von Vorteil sein: Manchen älteren Menschen ist es unangenehm, sich von anderen tragen, heben und drehen zu lassen; ein Roboter kann hier die gewünschte Distanz schaffen.

Oder um es mit Aldous Huxley zu sagen: O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt.

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