26. November 2017

Marx reloaded

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Genau 100 Jahre nach Machtübernahme der Bolschewiki und gut ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer ist der Kommunismus tot. Finden die Ideen von Karl Marx vielleicht doch noch ein neues Leben?

Zu allen Zeiten haben die Menschen geglaubt, dass das System, in dem sie leben, ewig hält. Zu allen Zeiten haben sie sich geirrt. 1989 haben wir den Kommunismus begraben und denken heute, dass die soziale Marktwirtschaft ewig halten wird. Sicher, der Staatskapitalismus, so wie er in der Sowjetunion und in Ostblockstaaten wie der DDR umgesetzt wurde, war alles andere als wünschenswert.

Doch einige Ansätze des Kommunismus sind nicht ganz aus der Luft gegriffen. Karl Marx hatte erkannt, dass der technologische Wandel, also die Art, wie wir arbeiten und produzieren, auch das gesellschaftliche und politische System verändert. Und so wird auch die soziale Marktwirtschaft in irgendeiner Form von neuen Systemen abgelöst werden. Der Beginn könnte mit der vierten industriellen Revolution eingeleitet werden, der sogenannten „Industrie 4.0“. Mit Automatisierung, künstlicher Intelligenz und Vernetzung von Technologien dürfte ein nicht unwesentlicher Teil der uns heute bekannten Arbeit zukünftig nicht mehr von Menschenhand verrichtet werden. Damit tun sich neue Chancen auf. Ansätze gibt es bereits heute: Wikipedia basiert auf der freiwilligen Arbeit Tausender. Über „Couchsurfing“ vernetzen sich Menschen, um anderen im Urlaub eine kostenlose Unterkunft zu bieten.

„Auch das aktuelle Wirtschaftssystem wird früher oder später einem anderen weichen müssen“.

Mit „Open Source“ stellen Leute den Quellcode ihrer selbst entwickelten Programme ins Internet, damit andere sie kostenlos nutzen und weiterentwickeln können. Herausgebildet hat sich eine kollektive Arbeitsweise, die auf freiwilliger Basis und nicht gegen Entgelt geleistet wird. Es ist naheliegend, dass sich die herrschende Wirtschaftsordnung gegen diese neuen Formen sträubt. So werden die aus einer gemeinnützigen Idee entstandenen Mitfahrzentralen Ruckzuck von irgendeinem Konzern aufgekauft, um Geld zu machen.

Wenn es die Gesellschaft jedoch langfristig schafft, die Verteilung des erwirtschafteten Sozialproduktes von der Arbeitsleistung des einzelnen Menschen abzukoppeln, dann sind ein bedingungsloses Grundeinkommen und Formen unbezahlter Arbeit durchaus denkbar. Das Ende der Arbeit bedeutet das nicht. Viele sehen darin die Befreiung vom Arbeitszwang um des Überlebens willen. Wobei wir wieder bei Karl Marx wären: Ende der Ausbeutung einer gesellschaftlichen Mehrheit durch eine Minderheit.

Erstmals veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 25. November 2017

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