09. Juni 2016

Mehr Augenmerk auf die Verteilung!

Die nackten Zahlen zeigen klar: Sind Vermögen und Einkommen allzu ungleich verteilt, schadet das beiden, der Gesellschaft und der Wirtschaft. AFI-Präsident Toni Serafini: „Wir alle müssen der Verteilungsfrage ein viel größeres Augenmerk schenken. Die öffentliche Hand muss mit sozialen Grundleistungen einschreiten, die Unternehmer müssen höhere Löhne und Gehälter zahlen und die Managergehälter müssen endlich etwas verhältnismäßiger werden“. Auf der internationalen Tagung des AFI | Arbeitsförderungsinstitut zeigten Forscher die Zusammenhänge zwischen zunehmender Ungleichheit und einem dadurch eingebremsten Wachstum auf.

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Deutschland: Jeder Zweite vermögenslos

Professor Timm Bönke (Freie Universität Berlin) zeigte die schleichende Verschiebung der Einkommen in Deutschland auf. Seit Mitte der 80er Jahre wachsen die Einkommen aus Vermögen und Kapital stärker als die Einkommen aus Arbeit. Die Folge sei, dass zunehmend weniger Menschen vom Wirtschaftswachstum profitieren und die Vermögen insgesamt immer ungleicher verteilt seien. 50% der Bundesbürger besitzen kein nennenswertes Vermögen. Über den Arbeitsmarkt könnten Menschen nicht mehr am wachsenden Wohlstand teilhaben, so Bönke. Die Ursachen sieht der Forscher im gängigen Wirtschaftsmodell, in der Globalisierung und im technologischen und strukturellen Wandel unserer Zeit. Hier zum Vortrag von Prof. Bönke

Timm Bönke im Interview
Timm Bönke im Interview

Europa: Krasse Einkommenskluft

Elena Tosetto vom Direktorat für Statistik der OECD in Paris veranschaulichte die Ungleichverteilung der Einkommen in ganz Europa. Das Verhältnis zwischen dem Einkommen des reichsten Zehntels der Bevölkerung (die „Obersten 10%“) und des ärmsten Zehntels (die „Untersten 10%“) beträgt im europäischen Schnitt 7:1, in Italien sogar 11:1.

Elena Tosetto
Elena Tosetto

Um zu einer ausgewogeneren Verteilung zu kommen, müssten bisherige Maßstäbe überprüft werden, so die Statistik-Expertin. Tosetto plädierte dafür, die gesellschaftliche Entwicklung nicht allein nach der Logik des Bruttoinlandsprodukts (BIP), sondern vielmehr nach dem „Better Life Index“ der OECD zu bewerten. Hier zum Vortrag von Dott.ssa Tosetto.

 

Südtirol: Große Einkommensunterschiede…

Wie es um Südtirol bestellt ist, zeigte AFI-Direktor Stefan Perini auf. In der Verteilung der Netto-Einkommen der Haushalte stehe Südtirol besser da als Italien insgesamt, aber schlechter als Österreich, Schweiz und Deutschland. 9,2 beträgt in Südtirol das Verhältnis „Oberste 10%“ zu „Unterste 10%“. Das bedeutet, die reichsten 10% der Südtiroler Haushalte haben ein mehr als neunmal so hohes Einkommen wie ärmsten 10%. Damit vereinen die „Obersten 10%“ der Haushalte mehr als ein Viertel des Gesamteinkommens auf sich, die „untersten“ nur 3%.

… mit der Armut im Schlepptau

Eine der Folgen der Ungleichverteilung ist die Armut. Mit 16,6% sei die relative Armut in Südtirol nicht sonderlich hoch und sei in den letzten 15 Jahren auch nicht angestiegen, stellte Perini fest. Aber ohne Sozialtransfers wären in Südtirol weitere 17.125 Haushalte armutsgefährdet (+8,1 Prozentpunkte). Die Armutswahrscheinlichkeit steigt bei alleinlebenden Senioren, Alleinerziehenden, Großfamilien, Nicht-EU-Bürgern, Arbeitslosen oder gering Beschäftigten. Für jede vierte Familie in Südtirol sei Armut im weiteren Sinn Realität. Hier zum Vortrag von Direktor Perini.

Südtirol: Landesregierung kann einwirken

Kraft seiner Autonomie hätte Südtirol Handlungsmöglichkeiten, um sicherzustellen, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinanderklaffe. Die Handlungsfelder: Arbeitsmarkt, Steuern, Welfare, Öffentliche Investitionen.

Hungerlöhne rauf, Stargehälter runter!

AFI Präsident Toni Serafini nahm abschließend auch die Unternehmer und Manager ins Gebet: „Da Ungleichheit die Gesellschaft und die Wirtschaft bremst, sind wir aufgefordert, die Verteilungsfrage nachhaltig zu lösen. Die öffentliche Hand wird mit sozialen Grundleistungen einschreiten müssen, die Unternehmer müssen höhere Löhne und Gehälter zahlen und die Managergehälter müssen deutlich mehr im Verhältnis zu den Einkommen der Mitarbeiter stehen“.

Stefan Perini, Karl Tragust, Toni Serafini
Stefan Perini, Karl Tragust, Toni Serafini

Beim abschließenden Runden Tisch diskutierten Toni Serafini, die Vortragenden Timm Bönke und Elena Tosetto, der Sozialexperte Karl Tragust und Petra Priller von der Schuldnerberatung der Caritas.

 

Petra Priller
Petra Priller

 

AFI Pressemitteilung | Armut | Chancengleichheit | Wohlfahrtsstaat