05. September 2015

Patient China: nur verschnupft oder todkrank?

von Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Turbulenzen an den asiatischen Börsen verunsichern seit rund einem Monat die internationalen Börsen. Droht das System des Staatskapitalismus zu scheitern?

Mit rund 10 % Wirtschaftswachstum pro Jahr hat China in den vergangenen 30 Jahren eine beispiellose Entwicklung erfahren. Doch das Vertrauen von Seiten der internationalen Finanzinvestoren in die mittlerweile größte Volkswirtschaft der Welt schwindet. Das System zeigt Risse wirtschaftlicher, politischer und sozialer Natur.

Die optimistischsten Beobachter sehen in der jüngsten Abschwächung der chinesischen Wirtschaftsentwicklung eine rein technische Korrektur. Die Kreditvergabe sei in den letzten Jahren überdurchschnittlich stark angestiegen, was zu einer überaus regen Bautätigkeit geführt habe. Das Vertrauen auf anhaltend hohe Wachstumsraten Chinas habe die Aktienkurse in die Höhe getrieben. Bei den letzthin beobachteten Kurseinbrüchen handle es sich demzufolge um Anpassungsprozesse, die im Fall überhitzter Aktien-und Immobilienmärkte durchaus üblich seien.

Doch es gibt auch solche, die in den Symptomen des Patienten China weit mehr als einen harmlosen Schnupfen erkennen wollen. Zwar ist China inzwischen zur größten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen, doch die Inlandsnachfrage bleibt schwach. Die Hälfte der in China produzierten Güter ist für den Export bestimmt. Dass die Inlandsnachfrage relativ schwach geblieben ist hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass große Teile der Bevölkerung nicht vom chinesischen Wirtschaftswunder profitiert haben. Der Übergang vom Staatskommunismus zum Staatskapitalismus hat indes seltsame Blüten getrieben: In keinem anderen Land der Welt gibt es eine so hohe Zahl an Neureichen wie heute in China – in keinem eine so hohe Anzahl an Menschen, die an der Armutsgrenze leben. Die soziale Ungleichheit ist in China seit dem Umbruch rasant gestiegen – die sozialen Spannungen nehmen zu. Politische Beobachter behaupten, dass innerhalb der Kommunistischen Volkspartei ein Machtkampf zwischen den alten politischen Machthabern und den neuen Wirtschaftsbossen schwele. Zudem hätte die Parteizentrale Schwierigkeiten damit, die Politik zwischen Zentrum und Peripherie zu koordinieren. Neben dem offiziellen Kreditmarkt hat sich parallel ein riesiges Schatten-Bankensystem entwickelt. Bis zum heutigen Tag ist es der chinesischen Regierung nicht gelungen, dieses Phänomen in den Griff zu bekommen. Wie auch die Korruption. Kritiker behaupten höhnisch, es sei dies der Bereich, der in China am stärksten boome.

Der Fall China macht deutlich: Wirtschaftswachstum und gesellschaftliche Entwicklung sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Hohe Wirtschaftsraten stehen nicht automatisch für eine Weiterentwicklung der Gesellschaft. Und der Weg Chinas hin zu einem demokratischen Rechtsstaat und zu einem Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung ist noch weit.

 

Dieser Beitrag ist erstmals in der Rubrik „Wirtschaft Quer“ in der Printausgabe der Neuen Südtiroler Tageszeitung erschienen

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