04. Mai 2013

Reformiert euch, aber nicht mich

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

In Vorwahlzeiten haben Reformer Hochkonjunktur. Reformieren sollen sich allerdings die jeweils anderen.

„Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt“. Dieser historische Spruch stammt von John F. Kennedys Antrittsrede und ist über ein halbes Jahrhundert alt. Heute scheint er aus der Mode geraten. Heute geht es leichter. Man fordert vom jeweils anderen und drückt sich wenn es darum geht, sich selbst zu erneuern.

Ich höre noch die Worte eines langjährigen Vorgesetzen von mir: „Wir müssen sagen, was wir selbst tun können, was wir selbst zur Verbesserung der Situation beitragen können. Erst dann, was wir an Rahmenbedingungen, beispielsweise von Seiten der Politik, brauchen.“

Diesen Ansatz vermisse ich heute. In diesen Tagen ziehen wieder einmal die großen Reformer durchs Land. Sie wissen, wie es die anderen besser machen sollen. Sie weisen auf Ineffizienzen hin, urteilen über gut oder schlecht ausgegebenes Geld, ordnen Prioritäten neu, wollen inhaltlich bewerten, ohne im Vorfeld mit den direkt Beteiligten den Dialog gesucht zu haben. Sicher: ganz daneben wird man nicht liegen, vieles ist nachvollziehbar und einiges würde auch von den direkt zuständigen Funktionären so gesehen werden.

Was mir in der heutigen Diskussion zu kurz kommt ist der Eigenbeitrag. Die Vorbildfunktion. Das könnte zum Beispiel die Verpflichtung nach der Durchforstung des eigenen Haushalts sein, die eigene Bestrebung nach dem treffsicheren Einsatz von Mitteln. Die Offenheit zuzugeben, dass es sehr wohl auch in den eigenen Reihen noch viel zu tun gibt.

Zu wenig gesucht wird auch die Einbeziehung von direkt involvierten Akteuren und Fachleuten. Wer über Jahrzehnte in einem Bereich gearbeitet hat – ich sage mal Gesundheitswesen, um nicht Forstwirtschaft zu sagen – dürfte wohl ausreichend Kenntnis darüber haben, welche Aktivitäten mehr oder weniger sinnvoll, welches Geld besser oder schlechter ausgegeben ist. Findet diese Einbeziehung heute im Vorfeld statt?

Die Bereitschaft zur Eigenverpflichtung und die Einbeziehung von Sachverständigen im Vorfeld. Erst dann ist Reformbereitschaft ernst gemeint – erst dann ist sie glaubhaft.

Dieser Artikel ist erstmals in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung/Sonntag“ erschienen.

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