18. Februar 2018

Schluss mit befristet

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

In Deutschland will man „sachgrundlose“ Befristungen abschaffen. Was dafürspricht und warum es für Südtirol nicht uninteressant ist.

Der Südtiroler Arbeitsmarkt glänzt mit einer hohen Erwerbstätigenquote und einer amtlich niedrigen Arbeitslosenzahl. Sein Makel ist der hohe Anteil an befristet Beschäftigten. Saisonbedingt, sagen die meisten, doch das stimmt nur zum Teil. Befristete Verträge kommen in Südtirol auch dort sehr stark zum Einsatz, wo sie nichts zu suchen haben, wo also der Grund nicht Produktionsspitzen oder Witterungsverhältnisse sind. 28% der Arbeitnehmer Südtirols waren im Jahresschnitt 2017 nur befristet angestellt – im Jahr 1998 hatte der Anteil noch bei 18% gelegen. Sogar die 6.500 Stellen an Beschäftigungszuwachs im Jahr 2017 bestehen zu 80% aus befristeten Arbeitsverträgen und nur zu 20% aus Festanstellungen. Und das trotz Jobs Act.

In Deutschland denkt man offen darüber nach, „sachgrundlos“ befristete Arbeitsverträge abzuschaffen. Warum? Weil sie vor allem für junge Leute nachteilig sind. Mehr als 60% aller befristet Beschäftigten in Deutschland sind jünger als 35 Jahre. Das WSI Berlin hat die prekär beschäftigte Jugend unter die Lupe genommen: Rund 41% der abhängig Beschäftigten im Alter zwischen 15 und 19 Jahren arbeitet befristet – dieser hohe Anteil erklärt sich unter anderem durch Ferienjobs. Aber auch bei den 20- bis 24-Jährigen liegt der Anteil noch bei 27% und bei den 25- bis 29-Jährigen sind es 20%. Auf das Einkommen wirken sich Befristungen deutlich negativ aus: Mehr als ein Viertel der befristet Beschäftigten unter 35 Jahren verdient in Vollzeit weniger als 1.100 € netto im Monat. Das entspricht in etwa dem Minimum des gesetzlichen Mindeststundenlohns. Von den jungen Beschäftigten mit Festanstellung liegen nur rund 9% unter dieser Schwelle.

„Auch in Südtirol sollten wir wieder mehr Planungssicherheit wagen“

Wer nur einen befristeten Vertrag hat, kann seine Zukunft nicht sicher planen. Häufig müssen Stelle oder Stadt gewechselt werden. Darunter leiden Partnerschaft und Familienplanung. In der Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren sind nur 17% der befristet Beschäftigten verheiratet, aber 27% derer mit unbefristetem Arbeitsvertrag. In hundert Haushalten von befristet Beschäftigten dieser Altersgruppe leben durchschnittlich 29 Kinder, in den Haushalten von Unbefristeten 42 Kinder.

Gesellschaftspolitisch hat es seine Berechtigung, feste Arbeitsverträgen zu fördern und mehr Planungssicherheit herbeizuführen.

Erstmals veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 17. Februar 2018

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