23. Juli 2020

Stimmungstief scheint überwunden

Foto: Pexels

AFI-Barometer

Die Aussichten für Südtirols Wirtschaftsentwicklung hellen sich leicht auf – vor drei Monaten hatten sie ihren historischen Tiefststand erreicht. In den nächsten Wochen dürfte sich die Erholung festigen. „Nun ist es wichtig sicherzustellen, dass konjunkturstützende Maßnahmen nicht missbraucht werden“, mahnt AFI-Präsident Dieter Mayr, „beispielsweise, dass Unternehmen öffentliche Gelder abholen und gleichzeitig Leute entlassen. So etwas wäre nicht akzeptabel!“

Die Weltwirtschaft durchlebt gerade die schwerste Rezession der Nachkriegszeit. Die Konjunkturzyklen laufen allerdings gebietsabhängig teilweise asynchron: während China bereits wieder einen Aufschwung meldet, spitzt sich in den USA die Situation nach und nach zu. In Europa geht die wirtschaftliche Erholung schleppender voran als in den positiveren Szenarien aufgezeigt. Des Weiteren ist die Krise wegen der breit angelegten Abfederungsmaßnahmen noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen. Diese Effekte erwartet man erst im letzten Jahresquartal. Die vorauslaufenden Indikatoren der führenden internationalen Forschungsinstitute zeigen jedenfalls an, dass der Tiefpunkt der Stimmung überwunden ist – vorausgesetzt es kommt zu keiner zweiten Epidemie-Welle.

Wirtschaftsaussichten für Südtirol lichten sich

Südtirols Arbeitnehmer bewerten die Aussichten für die Wirtschaftsentwicklung Südtirols in den nächsten 12 Monaten in der Sommer-Ausgabe des AFI-Barometers etwas freundlicher als noch drei Monate zuvor. Gleichzeitig wird für die nahe Zukunft eine deutliche Verschlechterung der allgemeinen Arbeitsmarktsituation erwartet. Dies gilt sowohl für die Arbeitslosenzahlen als für die Perspektive, einen gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden. Ein konkretes Risiko, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, leiten allerdings nur wenige Südtiroler Arbeitnehmer ab. Etwas überraschend bewerten die Interviewten die Fähigkeit der Familie, mit dem Lohn über die Runden zu kommen, mitten in der Corona-Zeit besser als vor-Corona. „Dies kann nur mit dem veränderten Ausgabenverhalten zusammenhängen“, interpretiert AFI-Direktor Stefan Perini das Ergebnis, „an höheren Löhnen oder Einkünften kann es schwer liegen. Vielleicht ist es ein Hinweis auf eine ‚neue Bescheidenheit‘“.

Kennzahlen bilden Krise in Südtirol erst partiell ab

Die aktuell für Südtirol verfügbaren statistischen Daten bilden die Krise noch sehr unvollständig ab. „Es hakt an der Aussagefähigkeit, Vollständigkeit und zeitnahen Verfügbarkeit von Daten“, bemängelt Perini. „Ein Krisenmonitor, der innerhalb des Landesstatistiksystems entwickelt wird, dürfte ab Herbst Licht ins Dunkel bringen“. Schon jetzt zeichnet sich allerdings ab, wer zu den Leidtragenden der Krise zählen wird: die gesamte Palette der sogenannten „prekär Beschäftigten“, sprich Saisonarbeiter und befristet Beschäftigte, Leih- und Heimarbeiter, Geringverdiener, unfreiwillige Teilzeitkräfte, Frauen. „Das konkrete Risiko ist, dass Corona die soziale Spaltung der Gesellschaft vorantreibt“, warnt der AFI-Direktor.

Wie Südtirols Arbeitnehmer den Lockdown erlebt haben

Im Sonderteil wollte das AFI von Südtirols Arbeitnehmer*innen wissen, wie sich der Lockdown auf ihren beruflichen Alltag ausgewirkt hat. Zunächst: Nach Aussage von 96% der Befragten hat Covid-19 den beruflichen Alltag in irgendeiner Form verändert, lediglich für 4% nicht. 43% haben Resturlaub aufgebraucht oder neuen Urlaub nehmen müssen, 25% Überstunden abgebaut, 29% wurden in den Lohnausgleich überstellt (mit Spitzen im Handel und im Verarbeitenden Gewerbe). Fasst man diese drei Kategorien zusammen kommt man zum Schluss: Für 58% war der Lockdown gleichbedeutend mit einem ‚zeitlich begrenztem Arbeitsausfall‘. Am anderen Extrem stehen 32% der Befragten, die angeben, sie hätten ‚mehr Arbeit gehabt als vor der Krise‘. Für 39% stand der Lockdown in Zusammenhang mit einer Änderung der Arbeitsweise: 4 von 10 Arbeitnehmer*innen konnten in Homeoffice weiterarbeiten (mit Spitzen im Öffentlichen Sektor, im Verarbeitenden Gewerbe und in den Privaten Dienstleistungen). „Weil sich die Covid-19-Krise in den Sektoren unterschiedlich manifestiert ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Das bedeutet auch besser zugeschnittene Hilfsmaßnahmen als die heutigen“, resümiert Perini.

Grafik 1 (Erwartete Enwicklung der Wirtschaftlichen Situation Südtirols)

Grafik 2 (Covid 19 und die Arbeitnehmer)

Stellungnahme von Landesrat Philipp Achammer

Die Landesregierung habe in den vergangenen Monaten erhebliche finanzielle Mittel in die Hände genommen, um die Auswirkungen des Lockdowns auf den Arbeitsmarkt kurz- und mittelfristig abzufedern, erklärt Landesrat Philipp Achammer. „Wir haben die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht überwunden, aber die Wahrnehmung bei den Arbeitnehmern ist offensichtlich, dass wir aus dem Tief raus sind und die Aussichten sich lichten“, so der Landesrat angesichts der neuesten Daten des AFI. Auch die epidemiologische Entwicklung sei im Augenblick zufriedenstellend. „Aber zurücklehnen dürfen wir uns nicht“, mahnt Landesrat Achammer und unterstreicht: „Wir werden weiterhin wachsam sein und für politische Schritte sowie gezielte Maßnahmen den Südtiroler Arbeitsmarkt genau beobachten müssen.“

Nähere Informationen erteilen AFI-Direktor Stefan Perini (T. 349 833 40 65, stefan.perini@afi-ipl.org) und AFI-Forscher Friedl Brancalion (T. 0471 41 88 40, friedl.brancalion@afi-ipl.org).

Die Ergebnisse des AFI-Barometers sind im Internet unter www.afi-ipl.org/afi-barometer veröffentlicht.

Das AFI-Barometer erscheint viermal im Jahr (Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst) und gibt das Stimmungsbild der Südtiroler Arbeitnehmerschaft wieder. Die telefonisch geführte Umfrage betrifft 500 Arbeitnehmer und ist für Südtirol repräsentativ. Die nächsten Umfrageergebnisse werden Mitte Oktober 2020 vorgestellt.

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