04. August 2017

Südtirol: Warnstufe gelb bei psychisch belastenden Arbeitsbedingungen

„Die EWCS-Untersuchung zeigt eines ganz klar: Bei psychisch belastenden Arbeitsbedingungen, die aus Arbeitsverdichtung resultieren, z.B. hohes Arbeitstempo, hoher Termindruck oder überlange Arbeitszeiten ist Südtirol Spitzenreiter der Vergleichsgruppe Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz“, sagt der Arbeitspsychologe und AFI-Forschungsmitarbeiter Tobias Hölbling. Bei sogenannten emotionsbedingten psychisch belastenden Arbeitsbedingungen sieht die Sache durchwegs besser aus: Angst, seinen Arbeitsplatz im nächsten halben Jahr zu verlieren hat beispielsweise nicht einmal jeder zehnte Südtiroler Beschäftigte – in Italien sind es 21,1%. Wer die Hauptbetroffenen sind und welche Auswirkungen psychisch belastende Arbeitsbedingungen haben können, geht im Detail aus dem heute im Beisein von Landesrätin Martha Stocker vorgestellten AFI-Zoom hervor.

Die meisten psychisch belastenden Arbeitsbedingungen weist das Südtiroler Gesundheits- und Sozialwesen auf: Neun von elf mögliche Belastungsfaktoren sind überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Gleich dahinter reihen sich das Gastgewerbe und das Verarbeitende Gewerbe mit je fünf überdurchschnittlich belastenden Arbeitsbedingungen ein. Der Handel, die Öffentliche Verwaltung und die Landwirtschaft stehen im Branchenvergleich am besten da.

Lang andauernde psychisch belastende Arbeitsbedingungen schlagen sich sowohl auf den Gesundheitszustand als auch auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter nieder. Die Folgen sind Frustration, Leistungsschwankungen, höhere Krankenstände bis hin zur Frühpensionierung aufgrund von Arbeitsunfähigkeit.

Auch das Funktionieren des Betriebs insgesamt wird beeinträchtigt: „Die Arbeitsmotivation nimmt ab, genauso die Qualität der ausgeführten Tätigkeiten. Streitigkeiten und Spannungen in der Belegschaft nehmen zu. Dies alles kann dazu führen, dass die Unternehmensziele nur mit Einsatz von größeren materiellen und zeitlichen Ressourcen erreicht werden“, so Hölbling.

Hier eine Auswahl der Ergebnisse:

Die Männer haben ganz klassisch mit Belastungen durch die Arbeitsverdichtung zu kämpfen (Termindruck, überlange Arbeitstage), Frauen hingegen mehr mit emotionsbedingten psychisch belastenden Arbeitsbedingungen. Dies dürfte sich auf Brancheneffekte zurückführen lassen: Arbeit mit Menschen ist vielfach ein Treiber für emotionsbedingte psychische Belastungen. Genau in jenen Branchen arbeiten tendenziell mehr Frauen.

Jüngere Beschäftigte arbeiten durchwegs häufiger unter psychisch belastenden Bedingungen als ältere: Das kann dem sogenannten Auswahleffekt geschuldet sein, welcher bedingt, dass mit zunehmendem Alter nur mehr jene erwerbstätig sind (und somit von der Studie erfasst werden), die körperlich und geistig fit genug sind.

Interessant ist weiters die zunehmende psychische Belastung mit steigendem Bildungsgrad. So erleben vor allem Akademiker beispielsweise eine bedeutend höhere Arbeitsplatzunsicherheit als niedrigere Bildungsabschlüsse: 17,6% der Akademiker geben an, dass sie ihre Arbeitsstelle innerhalb eines halben Jahr verlieren könnten, gegenüber nur 6,7% der Personen mit Grundschulabschluss.

Selbstständige haben deutlich häufiger überlange Arbeitstage (länger als 10 Stunden) als abhängig Beschäftigte (42,4% versus 10,1%) und arbeiten deutlich öfter in der Freizeit (27,4% gegenüber 8,8%), sind dafür aber weniger häufig emotional aufwühlenden Situationen während der Arbeit ausgesetzt.

Beschäftigte mit einem befristeten Arbeitsvertrag machen sich mehr Sorgen um ihre Arbeit als unbefristet Beschäftigte und stimmen – wenig überraschend – zu 35,8% der Aussage zu, dass sie ihre Arbeitsstelle innerhalb von sechs Monaten verlieren könnten. Als Hintergrundinformation: Südtirol hat mit 15,5% an befristet Beschäftigten den höchsten Wert der mitteleuropäischen Vergleichsländer – dieser ist auch höher als der italienische Schnitt.

Das Personalmanagement jedwedes Unternehmens oder öffentlicher Einrichtung hat die Aufgabe, „Arbeitsbedingungen zu schaffen, die dazu beitragen, dass Mitarbeiter erstens in der Lage dazu und zweitens ausreichend motiviert sind, zur Entwicklung des jeweiligen Betriebes beizutragen“, fasst Arbeitspsychologe Tobias Hölbling den Stand der Forschung zusammen. Schon aus purem Eigeninteresse der Organisationen an einem funktionierenden Betrieb sollten darum psychisch belastende Arbeitsbedingungen von betrieblicher Seite her möglichst reduziert werden.

Stellungnahme von AFI-Präsidentin Christine Pichler

“In Südtirol gelten die psychischen Arbeitsbelastungen nach wie vor als zweitrangiges Thema, fast als eine private Angelegenheit zwischen Arbeitskollegen oder mit dem Betriebsinhaber. Die Arbeitsforschung zeigt allerdings klar auf, dass wir über ausreichend Wissen über die Ursachen, aber auch über die Auswirkungen und Vorbeugemaßnahmen verfügen. Maßnahmen und Prävention sind nicht notwendigerweise mit finanziellen Mehrkosten verbunden: Es reicht aus, organisatorische Maßnahmen zu setzen, die Beteiligung der Beschäftigten anzuregen und eine wertschätzende Betriebs- und Führungskultur zu pflegen.“

Stellungnahme von Landesrätin Martha Stocker

„Es ist mittlerweile anerkannt, dass die psychischen Anforderungen mindestens ebenso belastend sein können wie die körperlichen Arbeitsbedingungen. Dass Frauen ihr Arbeitsumfeld als vermehrt emotional belastend empfinden, ist sicherlich in Zukunft verstärkt zu berücksichtigen, insbesondere auch die Belastungssituation im Gesundheits- und Sozialbereich. Für mich ist klar: Die Sensibilität in den Betrieben und auch bei den Selbstständigen selbst über die Wichtigkeit der psychischen Arbeitsbedingungen muss erhöht werden. Eine Bewertung der arbeitsbezogenen Stressfaktoren allein genügt nicht.  Wir brauchen auch vor Ort Know-how, um die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsorganisation ständig zu verbessern. Es geht um das Herz jedes Betriebs: seine Menschen. Wenn uns die Motivation, die Innovationsbereitschaft und die Produktivität der Beschäftigten wichtig ist, dann müssen wir in eine gute Arbeitswelt investieren.“

Stellungnahme von INAIL-Landesdirektorin Mira Vivarelli

“Eine steigende Anzahl von Betrieben reicht beim INAIL Anträge auf Reduzierung der Versicherungsprämien ein, da sie verschiedene Sicherheitsmanagementsysteme implementieren oder betriebliche Maßnahmen setzen, die darauf abzielen, das psychophysische und soziale Wohlbefinden der Beschäftigten zu sichern. Im Rahmen des Landesplanes für Prävention 2016 – 2018 kooperiert das INAIL mit dem Dienst für Arbeitsmedizin. Außerdem werden Projekte finanziell unterstützt, mit denen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände Maßnahmen ergreifen, die zum einen der Implementation von Sicherheitsmanagementsystemen dienen und zum anderen zur Errichtung spezifischer Anlaufstellen beitragen, die Beschäftigte im Falle von arbeitsbezogenem Unbehagen unterstützen.“

Abrufbar ist der vollständige AFI-Zoom Psychische Belastungen in der Südtiroler Arbeitswelt auf der Homepage des Instituts.

Die Daten stammen aus der Erhebung „European Working Conditions Survey Südtirol 2016“. Seit 1991 als anerkanntes Erhebungsinstrument in den Staaten der EU und darüber hinaus bewährt, hat Südtirol als erste Region in Europa die Befragung gemäß europäischen Vorgaben auf lokaler Ebene durchgeführt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Beschäftigten in Südtirol und erlauben einen europaweiten Vergleich.

Nähere Informationen erteilen AFI-Direktor Stefan Perini (T. 0471 41 88 30, stefan.perini@afi-ipl.org) und AFI-Forschungsmitarbeiter Tobias Hölbling (T. 0471 41 88 43, tobias.hoelbling@afi-ipl.org).

 

AFI Pressemitteilung |