22. Juli 2017

Südtirols Aushängeschild

Die hohe Erwerbsbeteiligung und nicht die hohen Löhne sind der Grund, warum Südtirols Arbeitnehmer mehrheitlich gut über die Runden kommen.

Oft mischt Südtirol in den europäischen Wirtschaftsstatistiken vorne mit – so beim durchschnittlich verfügbaren Haushaltseinkommen oder beim Pro-Kopf-Konsum. Der Grund hierfür liegt aber nicht darin, dass in Südtirol besonders hohe Löhne ausbezahlt werden, sondern weil die Beteiligung der Bevölkerung am Erwerbsleben besonders hoch ist. Im Jahr 2016 lag die sogenannte Erwerbstätigenquote der 15 bis 64-Jährigen in Südtirol bei sagenhaften 72,7%. Bei den Männern erreichte die Quote 78,9%, bei den Frauen 66,4%. Diese Werte übertreffen die von der EU angepeilten Ziele für das Jahr 2020 bereits heute deutlich.

Anders ist die Sachlage bei den Löhnen. Hier ist es nochmal schwieriger, sich im Zahlensalat zurechtzu-finden: spricht man von Brutto- oder Nettolöhne, handelt es sich um Vollzeitäquivalenten oder „Köpfe“, umfasst die Datenbasis alle Sektoren der Wirtschaft oder nur einen Teil davon, handelt es sich um Stich-proben- oder Verwaltungsdaten? Auswertungen des AFI auf Grundlage der INPS-Datenbank haben auf-gezeigt, dass die durchschnittliche Bruttoentlohnung eines Vollzeit-Arbeitnehmers in der Privatwirt-schaft (ohne Landwirtschaft) im Jahr 2015 genau 6,8% über dem gesamtstaatlichen Niveau lag. Natür-lich sind auch hier Struktureffekte vorhanden, die auf eine unterschiedliche Zusammensetzung der Beschäftigung nach Wirtschaftssektor, Alter und Qualifikation beruhen. Trotzdem ist das als Durchschnitt errechnete Lohndifferential eher bescheiden, bedenkt man, dass das allgemeine Preisniveau in Südtirol 20% über dem gesamtstaatlichen liegt. Wenn die Lebenshaltungskosten 20% über dem nationalen Niveau liegen, müsste das auch für die Löhne gelten, wolle man von identischer Kaufkraft sprechen.

Das ist offensichtlich in Südtirol nicht der Fall. Die dezentrale kollektivvertragliche Verhandlungsebene ist aus verschiedenen Gründen nur schwach entwickelt. Was Südtirols Arbeitnehmer rettet ist, dass es Arbeit für alle gibt. Überspitzt gesagt: In einer Familie in Südtirol mit zwei erwachsenen Kindern arbei-ten alle vier Personen, während in anderen Teilen Italiens eine oder mehrere Personen arbeitslos sind oder nur gelegentlich arbeiten. Das macht den Hauptunterschied aus, warum die Südtiroler Familie über ein höheres Haushalteinkommen verfügt und pro Kopf mehr konsumieren kann.

„Wenn Statistiken sagen, dass es uns in Südtirol gut geht, dann nicht, weil die Löhne so hoch sind, son-dern weil es Arbeit für alle gibt“ 

Zuerst veröffentlicht in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 22. Juli 2017

Wirtschaft Quer |