30. April 2021

Tendenz (Un)Gleichheit?

Foto: AFI-IPL

Einkommen

Fünf Jahre nach der Tagung „Ungleichheit, die bremst“ beleuchtet das AFI einmal mehr die Einkommensungleichheiten und nimmt die europäische, gesamtstaatliche und lokale Situation in den Blick. Neben einer Bestandsaufnahme der Entwicklung der Ungleichheiten in den vergangenen Jahren wurden im Rahmen des heutigen Webinars mit dem Titel „Tendenz (Un)Gleichheit“ auch verschiedene Simulationen über die Covid-19-Pandemie und die Abfederung der wirtschaftlichen Folgen präsentiert. „Vor dem Hintergrund der positiven Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre ist die Einkommensungleichheit ‚nach Transfers‘ zwar etwas zurückgegangen“, informiert AFI-Direktor Stefan Perini: „Die schweren Folgen der Pandemie auf Arbeitswelt und Lohnsituation hätten aber beinahe für eine Umkehr dieses Trends gesorgt, was de facto nur durch die umfassenden Sozialleistungen verhindert werden konnte. Die Mittel für die Umverteilung haben sich somit als unabdingbar erwiesen, um zu verhindern, dass größere Ungleichheiten zwischen Arbeitnehmer/Innen entstehen und die soziale Schere auseinanderklafft.“

Blickt man auf die Verteilungsmaße, so hat von 2011 bis 2018 der Unterschied zwischen Brutto und Netto zugenommen, was sich positiv auf die Verteilung der Einkommen aus Arbeit ausgewirkt hat. Die aktuelle pandemiebedingte Situation erfordert allerdings breit angelegte Maßnahmen der Einkommenssicherung. „Regierungen und internationale Gremien haben deshalb rasch Unterstützungsmaßnahmen verabschiedet“, erklärt AFI-Forschungsmitarbeiter Lorenzo Vianini und fährt fort, dass „die Bedeutung dieser Maßnahmen zur Verhinderung einer steigenden Einkommensungleichheit die Notwendigkeit eines stark umverteilenden Steuersystems untermauern.“

Die dritte Veranstaltung der Reihe „AFI im Dialog“ war dem Thema der Verteilungsgerechtigkeit gewidmet –  genau genommen der Analyse der Einkommensungleichheiten. Verglichen wurden dabei die aktuellsten verfügbaren Daten, welche die Situation vor der Corona-Pandemie beschreiben mit verschiedenen Simulationen, welche die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt erfassen und die damit verbundenen Ungleichheiten auf europäischer, gesamtstaatlicher und lokaler Ebene sichtbar machen. „Die heutigen Gastredner – Michael Dauderstädt, Marta De Philippis, Anna Buratti und Luca Frigo – haben deutlich gemacht, wie wichtig es war, das Abfederungssystem hochzufahren und zusätzliche Mittel für die Sozialleistungen vorzusehen. Nur so konnten gravierende Einkommenseinbrüche verhindert und die Zahl der armutsgefährdeten Familien im Rahmen gehalten werden“, erklärte AFI-Präsident Dieter Mayr.

Michael Dauderstädt war 30 Jahre lange für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn tätig und hat dort acht Jahre lang die Abteilung „Wirtschafts- und Sozialpolitik“ geleitet. Er erforscht nach wie vor die Einkommensungleichheiten in Europa. Seine Analysen beruhen auf einer Methodologie, die sowohl die Ungleichheiten zwischen Staaten als auch jene innerhalb von Staaten berücksichtigt. Sein Beitrag zum AFI-Webinar war daher vergleichend und staatsübergreifend, in Berücksichtigung der jeweiligen konjunkturellen Lage. „Die positive Entwicklung hin zur Verringerung der Ungleichheiten in den vergangenen Jahren“, erklärte Dauderstädt, „wurde durch die Folgen der Pandemie am Arbeitsmarkt zwar gebremst, schlug bislang aber nicht ins Gegenteil um. Möglich wurde dies durch die Maßnahmen verschiedener Regierungen, die Einkommensverluste für Familien begrenzen konnten, indem sie auch Staatsschulden in Kauf nahmen, um Beschäftigung und Löhne zu stabilisieren sowie Konjunkturprogramme zu finanzieren“.

Verschiedene Studien zu den Maßnahmen der italienischen Regierung bestätigen diese Ansicht und veranschaulichen, dass die Einkommensverluste der Arbeitnehmer ohne die besagten Hilfsmaßnahmen weit höher gewesen wären. Zu diesem Schluss kommt auch die Forscherin der Banca d’Italia Marta De Philippis. Sie hat zu diesem Thema mit ihrer Kollegin Francesca Carta ein Occasional Paper veröffentlicht und dort die wirtschaftlichen Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Krise in drei verschiedenen Szenarien simuliert – ohne Sozialmaßnahmen, mit den ursprünglich existierenden Sozialmaßnahmen, mit den neu eingesetzten Mitteln. Dazu De Philippis: „Die Bedeutung der Ausgleichsinstrumente ist klar ersichtlich. Deren Beitrag an der Verhinderung der folgenschweren Zunahme von Ungleichheiten erfordert eine Neubewertung der Lohngarantiemaßnahmen, um die bestehende Zersplitterung des italienischen Sozialschutzsystems zu verringern“.

Auch auf lokaler Ebene konnten die Unterstützungsmaßnahmen seitens der öffentlichen Hand zum Teil verhindern, dass zahlreiche Familien in die Armut abrutschen. Luca Frigo und Anna Buratti vom Landesamt für Statistik ASTAT haben berechnet, dass die Maßnahmen der öffentlichen Hand dazu beitragen konnten, die Zahl der in finanziellen Schwierigkeiten geratenen Haushalte in Grenzen zu halten. „Auf Grundlage der verfügbaren Daten zeichnet sich in den nächsten Jahren zweifelsfrei eine Verschlechterung der Einkommensverteilung ab“, sagte Frigo, „wenngleich noch negativere Effekte in den ersten zehn Monaten des Jahres 2020 durch die Unterstützungsmaßnahmen verhindert werden konnten“. Mit Blick auf die Daten zu den Einkommen hob seine Kollegin Anna Buratti die Wirkung der Sozialtransfers hervor: „Alle berücksichtigten Indikatoren zur Einkommensungleichheit zeigen einen leichten Anstieg, aber gleichzeitig auch, dass der Mix von Ausgleichsmaßnahmen auf gesamtstaatlicher und lokaler Ebene nicht nur die Einkommensverluste der Familien gemildert hat, sondern auch eine Verschärfung der Ungleichheiten verhindern konnte.“

Die Videoaufzeichnung des Webinars und die Präsentationen der Referenten sind unter folgendem Link abrufbar: http://afi-ipl.org/it/veranstaltungen/afi-im-dialog-tendenz-ungleichheit-webinar/

Weitere Informationen erteilen AFI-Forschungsmitarbeiter Lorenzo Vianini (Tel. 0471 41 88 40, lorenzo.vianini@afi-ipl.org) und die AFI-Mitarbeiterin für Kommunikation & Eventmanagement Chiara Venezia (Tel. 0471 41 88 32, chiara.venezia@afi-ipl.org).

AFI Pressemitteilung | Arbeitnehmer*innen