31. Juli 2016

Total digital

Ab 11. August 2016 läuft in den Öffentlichen Verwaltungen Italiens alles nur noch digital. Wirklich glauben tun das wenige.

In zwei Wochen soll für alle Öffentlichen Verwaltungen in Italien nur noch ein Prinzip gelten, nämlich das der vollständigen digitalen Weiterleitung von Dokumenten. Der „Kodex der digitalen Verwaltung“ beinhaltet eine Reihe von Neuerungen, um die Digitalisierung deutlich anzustoßen. Beispielsweise hat in Zukunft das Faxgerät ausgedient. Ebenso Einsendebriefe. Sie werden von Korrespondenz über PEC-Postadressen ersetzt. Der Haken an der Sache: Für Bürger bleibt weiterhin die Möglichkeit aufrecht, Dokumente in Papierform bei den Öffentlichen Verwaltungen einzureichen. Dies bedingt für die Verwaltungen den Mehraufwand der Überführung der Unterlagen in die digitale Form. Ein Umstand, der so manchen Verwalter mehr als Kopfzerbrechen bereitet.

Dennoch, an der Digitalisierung wird kein Weg vorbeiführen. Südtirol ist diesbezüglich nur wenig besser als Italien und im europäischen Vergleich durchaus kein Vorzeigeland: Nur 7 von 10 Südtirolern verwendeten im Jahr 2015 gelegentlich das Internet. Besonderen Nachholbedarf gibt es, was die Interaktion zwischen Bürgern und Öffentliche Verwaltung anbelangt: In Südtirol übermitteln 18% der Bürger ausgefüllte Formulare online an die Öffentliche Verwaltung, weit entfernt von Erfahrungswerten in Dänemark und Skandinavien.

So ambitioniert das Vorhaben der Digitalisierung der Öffentlichen Verwaltung auch sein mag, so schwierig ist dessen Umsetzung, vor allem auf kurze Sicht. Sie trifft nicht nur die Verwaltung unvorbereitet, auch Teile des Unternehmertums und ganze Bürgerschichten: die Verwaltung, weil sie noch nicht über die Softwarelösungen (digitale Überführung, Archivierung, Dokumentverwaltungssystem) und entsprechend ausgebildetes Personal verfügt. Die Unternehmen, weil einige Sektoren noch immer ziemlich abgeschnitten von der Internetwelt sind. Exemplarisch hierfür ist der jüngste Hilferuf des Südtiroler Bauernbunds: Vor einigen Tagen wurden bekannt, dass von den rund 18.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Südtirol 5.000 bis 6.000 keine Internetverbindung bzw. keinen Computer haben. Der Verband sprach offen seine Sorge aus, zumal ab 11. August die Pflicht greife, alle Förderungsansuchen nur mehr digital einzureichen.

In diesem Zusammenhang wird die wichtige Rolle unterstützender Dienstleister deutlich. Ob es die Steuerbeihilfszentren oder Patronate sind, die den Bürgern bei Fragen des Arbeitsrechts, Steuererklärungen, Renten, Vor- und Fürsorge zur Seite stehen oder Wirtschaftsverbände, die für ihre Mitglieder Investitions- und andere Förderungsansuchen abwickeln: In diesem kritischen Moment sind es Einrichtungen, die gestärkt werden müssen, will man die digitale Spaltung der Gesellschaft vermeiden. Das Projekt „Digitale Verwaltung“ steht und fällt mit der Aufrechterhaltung dieser Schnittstellen.

Dieses „Wirtschaft Quer“ Nr. 170 ist erstmals in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung vom 30./31. Juli 2016 erschienen

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