06. November 2016

Tradition: Bremsfaktor für soziale Mobilität?

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Südtirols Unternehmenslandschaft ist geprägt von einer Vielzahl von Familienunternehmen, in denen die Weiterführung der Familientradition großgeschrieben wird. Inwiefern belastet dies die Durchmischung der Gesellschaftsschichten?

8 Arbeitnehmer von 10 befinden, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Südtirol bedeutend sei und ein ähnlich großer Anteil ist der Ansicht, dass sich diese in den letzten 10 Jahren weiter geöffnet habe. Weiter noch: Herkunftsfamilie und gute Netzwerke bestimmen stärker, wer es in Südtirol beruflich zu etwas bringt, als Einsatz und harte Arbeit.

Ob und wie gut der soziale Aufzug in Südtirol funktioniert, hat das AFI kürzlich im Rahmen einer Tagung hinterfragt. Eine zentrale Erkenntnis: Im Vergleich zu früher gibt es heute in Italien eine viel größere Durchlässigkeit zwischen den unteren und den oberen Stockwerken der Gesellschaft. Die aktuell verfügbaren Studien belegen aber auch, dass die Heranwachsenden heute mit einer sehr viel geringeren Wahrscheinlichkeit eine bessere soziale Stellung in der Mittel- und Oberschicht erreichen als ihre Eltern und sogar ihre älteren Geschwister.

Einen wesentlichen Grund für diese geringere Wahrscheinlichkeit sehen die Sozialforscher in der Bildungsungleichheit. In der Tat gebe es auch in Südtirol bestimmte sozioökonomische und kulturelle Faktoren, wie zum Beispiel Herkunft, Geschlecht und Sprache, welche die Schullaufbahn entscheidend beeinflussen und die von der Schule nicht abgeändert werden könnten, heißt es aus Expertenkreisen.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern die familieninterne Unternehmensnachfolge einen Bremsfaktor für die soziale Mobilität darstellt. Denn wir wissen: Südtirol ist ein Land, in dem Tradition großgeschrieben wird. In Familienunternehmen setzt man vieles daran, den Nachkommen bereits im Kindesalter ihre berufliche Zukunft schmackhaft zu machen – man rufe sich Beispiele aus der Hotellerie, Gastronomie oder den Einzelhandel ins Gedächtnis. Auch Bauernhöfe werden stets noch vom ältesten Sohn übernommen, obwohl dieses Prinzip durch die Novelle des Höfegesetzes aufgeweicht wurde.

Doch selbst wenn Südtirol relativ traditionsverhaftet ist: Wie die Wissenschaftler selbst einräumen, ist der familiäre Hintergrund heute für die soziale Durchlässigkeit nicht mehr der dominierende Faktor. Viel entscheidender sind die Chancen, die offenstehen, um die soziale Leiter nach oben klettern zu können. Chancengleichheit bei Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt und soziale Förderung sind die Motoren des “sozialen Aufzugs“. Hier dürfte Südtirol dank seines intakten Wirtschaftsmotors nicht allzu schlecht dastehen, wenngleich es immer Luft nach oben gibt.

Zuerst erschienen in „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ vom 5./6. November 2016

Wirtschaft Quer |