07. Februar 2016

Unproduktives Südtirol?

von/di Stefan Perini

Für die Statistik steht Südtirol in der Arbeitsproduktivität nur mittelmäßig da. Grund dafür ist sind die spezielle Wirtschaftsstruktur und die vielen kleinen Betriebe. Das wirft die Frage auf, ob es wirklich vorteilhaft ist, die Löhne an die Produktivität zu koppeln.

Seit einigen Wochen ist es wieder im Gespräch. Die Lohnentwicklung sollte an die Arbeitsproduktivität gekoppelt werden. Auf den ersten Blick scheint dies einleuchtend. Was spricht schon dagegen, Arbeitnehmer dann zu belohnen, wenn der Betrieb gut läuft, und umgekehrt sie mit in die Verantwortung zu nehmen, wenn schlechtere Zeiten anstehen? Der Haken an der Sache ist, dass die Produktivität von sehr vielen Dingen abhängt, die überhaupt nicht vom einzelnen Arbeitnehmer beeinflusst werden können und wo er auch mit der besten Leistung nichts zum besseren Ergebnis beitragen kann.

Nehmen wir das Beispiel Südtirol. Die hiesige Wirtschaft ist geprägt von Kleinstbetrieben. Südtirol hat knapp 20.000 Ein-Personen-Unternehmen. Das heißt, jedes zweite Unternehmen in Südtirol ist eine „Ich-AG“. Außerdem ist die Südtiroler Wirtschaft vorwiegend auf Bereiche mit niedrigem Technologiegehalt ausgerichtet. Die Landwirtschaft ist im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften noch stark. Nicht, dass eine solche Wirtschaftsstruktur schlecht wäre. Südtirol hat gerade deswegen die Finanzkrise ab 2008 wesentlich besser durchtaucht als andere Regionen. Und es gibt auch viele gesellschaftlich positive Effekte, wie die Versorgung vor Ort und die regionale Entwicklung. Nur zieht das alles den Schnitt der Gesamtproduktivität des Wirtschaftssystems nach unten.

Zweitens hat Produktivität mit Standortbedingungen zu tun. Verkehrswege, Absatzmärkte, Gewerbeflächen, arbeitsrechtliche und steuerliche Bestimmungen, Bildungswesen, Justiz, öffentliche Verwaltung, politisches System, Kultur und Traditionen – alles das bestimmt mit, wie hoch die erzeugte Wertschöpfung ausfällt. Anders gesagt, mit gleicher Halle, gleichen Maschinen und gleichen Mitarbeitern kann man in Südtirol eine höhere Wertschöpfung erzielen als etwa in Bangladesch.

Wenn höhere Löhne an die Steigerung der Produktivität gekoppelt würden, müsste sich Südtirols Wirtschaft grundsätzlich stärker auf Sektoren mit hohem Technologiegehalt und hoher Wertschöpfung ausrichten. Unter der Bedingung, dass die betriebliche Mitbeteiligung der Arbeitnehmer stärker Fuß fasst und Betriebsergebnisse transparent zugänglich sind, kann man darüber reden, einen Teil des Lohns an die Produktivität des Betriebes zu koppeln.

Dieser Beitrag erscheint in Stefan Perinis samstäglicher Rubrik „Wirtschaft Quer“ in der Printausgabe der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“.

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