08. Mai 2016

Wachstumsbremse Ungleichheit

Neuere Studien zeigen: Sind Vermögen und Einkommen allzu ungleich verteilt, ist dies kontraproduktiv für das Wirtschafts-wachstum. In politischen Kreisen hat sich dies offensichtlich noch zu wenig herumgesprochen.

2014 hat Thomas Picketty mit seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eine große Debatte losgetreten. Steigende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen sei die zentrale Ursache für geringes gesamtwirtschaftliches Wachstum und für unsichere gesellschaftliche Verhältnisse, sagt Picketty.  Da er dies anhand von Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt, ist er sehr glaubwürdig und findet mit seiner These immer größeren Zuspruch. Doch wie so oft stoßen auch in dieser Frage verschiedene „Schulen“ aufeinander.

Die klassische Wirtschaftstheorie sagt, dass beides, Effizienz und Gleichheit, zusammen nicht machbar sind. Demnach würde die Umverteilung von Einkommen als Mittel, mehr Gleichheit herzustellen, zwingend dem Wachstum entgegenstehen. Die höhere Belastung mit Steuern und Abgaben würde die Anreize zu mehr Leistung vermindern und somit die Arbeitsproduktivität einbremsen.

Der neue Ansatz hingegen stützt sich auf den Beleg, dass Länder mit höheren Einkommensungleichheiten in den vergangenen Jahrzehnten ein geringeres Wirtschaftswachstum verzeichnet haben als solche mit geringer Einkommensungleichheit. Bei großer Einkommensungleichheit sei das zentrale Problem jenes, wie eine hinreichende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zustande kommen soll, um eine hohe Arbeitslosigkeit zu verhindern. Eine Schlüsselrolle komme dem privaten Konsum zu, so der neue Ansatz. Dieser macht in entwickelten Volkswirtschaften zwischen 60 und 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Wenn sich die Einkommen von weiten Teilen der Bevölkerung nur schwach entwickelten, drohe entweder eine Überschuldung der unteren Einkommensgruppen, die ihren Konsum kreditfinanziert hochhalten (wie es vor der Wirtschaftskrise 2008 in den USA der Fall war), oder ein gesamtwirtschaftlicher Nachfrageausfall. Hohe Ungleichheit bedeutet auch, dass sich viele Menschen keine gute Ausbildung und Gesundheitsversorgung leisten können. Dies führe zu einem schwächeren Humankapital und somit zu geringerem Produktivitätswachstum. Das Auseinanderklaffen der Wohlstandsschere gefährde außerdem die politische Stabilität und fördere Korruption und Kriminalität, betont diese alternative Wirtschaftstheorie.

Eine stärkere Besteuerung der Kapitaleinkommen und eine Reduzierung der Besteuerung von Arbeit macht in dieser Hinsicht also Sinn. Auch die Forderung nach einer Vermögenssteuer bzw. einer stärkeren Besteuerung von Erbschaften kann nicht leichtfertig mit dem Argument der unerwünschten Belastung von Betriebsvermögen abgetan werden.

Dieser Artikel ist erstmals in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung/Sonntag“ erschienen.

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