14. August 2015

Wie viel Leistung, wie viel Vorbestimmung?

von Stefan Perini

Wachsende Ungleichheit ist weder leistungsgerecht, noch notwendig, noch unvermeidlich. Wenn, dann ist sie politisch gewollt und durchgesetzt. Warum es jetzt Zeit ist, diesen Trend umzukehren.

„Es kann nur verteilt werden, was zuvor produziert wurde“. Sicher haben Sie diesen Spruch schon von zahlreichen Wirtschaftsexperten und Politikern gehört. Allerdings, die Wechselwirkungen zwischen Produktion und Verteilung sind der Wirtschaftsforschung nicht ausreichend bekannt. Keine Frage: Ein hohes Bruttoinlandsprodukt ist eine gute Voraussetzung für eine umsichtige Verteilung. Es stimmt aber auch, dass die Art, wie das Volkseinkommen verteilt wird, die Chancengleichheit und die soziale Durchlässigkeit wesentlich mitbestimmt. Nur unter gleichen Ausgangsbedingungen kann ein fairer Wettbewerb erst gar bestehen, nur dann kann von einer Leistungsgesellschaft gesprochen werden, in der sich die Besten und nicht die „Best-Geborenen“ abheben.

Dass soziale Gerechtigkeit auf jedem Fall Vorteile bringt, davon ist auch die deutsche Hans Böckler Stiftung überzeugt. Sie stellt fest, dass der Platz in der Einkommenshierarchie wesentlich vom Geburtsland, der Hautfarbe, dem Geschlecht und dem sozialen Status der Eltern bestimmt wird. Die Wahrscheinlichkeit von Mädchen zu studieren ist größer als die von Jungen. Als studierter Mann wird man allerdings sehr wahrscheinlich mehr verdienen als Hochschulabsolventinnen. Die Chance, auf ein Gymnasium zu kommen, ist für ein Akademiker-Kind siebenmal höher als für ein Kind aus weniger bildungsprivilegierten Haushalten. Die meisten großen Vermögen in Deutschland sind nicht erarbeitet, sondern „ererbt“. Dank guter Beziehungen und kulturellem Kapital werden überdurchschnittlich viele Kinder von Führungskräften für Führungspositionen rekrutiert. Natürlich gibt es auch einzigartige Karrierebeispiele, aber in der Regel nimmt die soziale Mobilität mit zunehmender Ungleichheit ab.

Einkommensunterschiede können nur dann als leistungsgerecht legitimiert werden, wenn die Politik vorher durch Besteuerung und staatliche Fördermaßnahmen alles tut, die ungleiche Chancenverteilung zu korrigieren. So sollten Vermögen progressiv besteuert werden und große Erbschaften weitgehend dem Allgemeinwohl zufließen. Auf der Ausgabenseite müssen Wohnbauprogramme die soziale Segmentierung aufbrechen, Schulen mit vielen Schülern aus bildungsfernen Schichten überdurchschnittlich mit Lehrern und Lehrmaterialien ausgestattet werden, gebührenfreie Kinderkrippen und -gärten frühkindliche Entwicklung fördern, Sprachkurse den Migranten die Integration erleichtern – so die Empfehlungen der Experten der Hans Böckler Stiftung.

Welche neuen Erkenntnisse erschließen sich uns für Südtirol? Chancengleichheit muss Ziel einer Familien-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik sein, die über den rein feministischen Ansatz hinausgeht.

 

Stefan Perini ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter und Direktor des AFI | Arbeitsförderderungsinstitut, Bozen

Dieser Artikel erscheint in der Rubrik „Wirtschaft Quer der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“

Chancengleichheit