25. September 2016

Zugmaschine Gastgewerbe

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Das Gastgewerbe boomt, das sieht man an den Nächtigungszahlen und an den geschaffenen Jobs. Sind Steigerungen dieser Größenordnung plausibel?

„Wenn man nichts hört, dann läuft es gut“, sagt man über das Gastgewerbe. Tatsächlich hört man zurzeit kaum Gastwirte klagen. Die Statistik zeigt uns auch warum, denn die Nächtigungszahlen für die ersten sieben Jahresmonate 2016 sind mittlerweile verfügbar. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres überrascht das Ausmaß der Steigerung: +6,9% an Nächtigungen insgesamt (+5,7% bei den italienischen, +7,6% bei den deutschen, +8,7% bei den österreichischen, +9,4% bei den Schweizer Gästen).

Der Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt zudem, dass das Gastgewerbe am stärksten Jobs geschaffen hat. 2016 wurden in der Südtiroler Wirtschaft schon in den ersten 8 Monaten etwas mehr als 5.000 neue Jobs geschaffen, davon 1.560 allein im Gastgewerbe: also +2,7% Zuwachs insgesamt, aber +6,4% im Gastgewerbe.

Bei so starken Steigerungen tauchen zwei Fragen auf: Erstens, werden Arbeitsverträge auch im Gastgewerbe schrittweise von den Arbeits-Vouchern verdrängt? Zweitens, ist das Nächtigungsplus „real“, oder geht ein Teil der Steigerung auf eine höhere Meldemoral zurück?

Das sagen uns die Daten: Von den 1.560 zusätzlichen Jobs im Gastgewerbe sind 860 unbefristete und 700 befristete Arbeitsverträge. Wir erkennen also keinen Verdrängungseffekt. Auch die Saisonverträge sind nicht im großen Stil von Arbeits-Voucher ersetzt worden. Wenn nun die Arbeits-Voucher im Gastgewerbe vermehrt  zum Einsatz kommen, dann zusätzlich zu den starken Zuwachsraten im „offiziellen“ Arbeitsmarkt. Dass die Steigerungen nicht durch Geringbeschäftigung „auffrisiert“ werden, belegt die Tatsache, dass von den genannten 1.560 neuen Jobs  1.035 Vollzeit- und nur 525 in Teilzeit-Jobs sind.

Die zweite Frage betrifft den Zusammenhang zwischen den Arbeitsmarktzahlen und dem vom ASTAT ermittelten Nächtigungsplus. Die Zahl an Arbeitnehmern im Gastgewerbe ist in den ersten 8 Jahresmonaten 2016 um +6,4% zum Vergleichszeitraum des Vorjahres angestiegen. Darüber hinaus haben Arbeitgeber im Gastgewerbe auch noch sehr stark von Arbeits-Vouchern Gebrauch gemacht, um Spitzen auszugleichen. Da man davon ausgehen kann, dass niemand Personal einstellt, wenn es nicht der Moment verlangt, muss das Geschäft wohl noch um einiges besser gelaufen sein, als das im statistischen Nächtigungsplus von +6,9% sichtbar ist. Es stimmt, dass der Strukturwandel im Südtiroler Tourismus hin zu hochwertigen Hotels den Personalbedarf steigen lässt, aber das allein kann diesen plötzlichen Beschäftigungszuwachs nicht erklären. Viel eher erleben wir gerade einen großen Moment des Auftauchens aus der Schattenwirtschaft.

Dieser Artikel erschien erstmals in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ vom 24./25. September 2016

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