10. April 2016

Zur „Voucherisierung“ des Arbeitsmarkts

Stefan Perini ("Wirtschaft Quer")

Arbeitsgutscheine – so genannte Voucher – liegen im Trend. Allein im Jahr 2015 wurden in Südtirol 3,2 Mio. solcher Arbeitsgutscheine ausgegeben. Erfolgt die Verwendung sachgerecht oder werden die Saisonverträge verdrängt?

Sie würden neues Prekariat verursachen, die Voucher (Wautscher ausgesprochen). Von Berlusconi eingeführt, um Gelegenheitsarbeit unbürokratisch aus der Schattenwirtschaft zu heben, stehen die Voucher heute im Verdacht, reguläre Arbeitsverhältnisse zu verdrängen. Das System ist im Grunde einfach: Der Arbeitgeber kauft diese Voucher zum Nennwert von 10 € von einer akkreditierten Stelle an. Beim Einlösen, z.B. im Postamt, bleiben der Arbeitskraft 7,5 €, die restlichen 2,5 € fallen dem Staat in Form von Steuern zu. Anfangs war die Verwendung von Vouchern begrenzt. Der Jobs Act aber hat ihre Einsatzmöglichkeiten erweitert.

Der Aufschrei der Gewerkschaften kam Mitte März. Die Zahl der neu abgeschlossenen Arbeitsverhältnisse in Italien war um -23% gesunken, die Zahl der ausgestellten Voucher aber um +36% gestiegen. Verdrängen die Voucher traditionelle Arbeitsformen? Ja, sagt UIL-SGK-Gewerkschafter Christian Troger. Er spricht von einer „Voucherisierung“ des Arbeitsmarkts. 2015 seien allein in Südtirol 3,2 Mio. Voucher ausgegeben worden. Das ist italienweit der  6. Platz. Troger läuft Sturm gegen eine an die Spitze getriebene Flexibilisierung der Beschäftigung. Nein, sagt LVH-Vizepräsident Martin Haller. Die Voucher seien eine einfache und praktische Entlohnungsform für gelegentliche Arbeitsleistungen. Ein legales Arbeitsverhältnis sei eindeutig der Schwarzarbeit vorzuziehen – gerade letztere sei in Italien ein großes Übel.

Was stimmt nun? In Südtirol ist die Zahl der Arbeitnehmer heuer im Jänner und Februar zusammen um +2,5% angestiegen, verglichen mit dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Aber: Die unbefristeten Verträge haben um +4,3% zugenommen, die befristeten Verträge hingegen um -2,8% abgenommen. Im Gastgewerbe, wo ziemlich genau ein Drittel der befristet Beschäftigten arbeitet, ist ein Zuwachs der „Unbefristeten“ von +18,7% zu beobachten, ebenso wie die stagnierende Zahl von „Befristeten“ (+0,1%). Also nichts mit Verdrängung von Standard-Arbeitsformen – zumindest zunächst noch nicht. Vieles spricht dafür, dass Arbeits-Voucher in Südtirol (noch) zum allergrößten Teil für Zuerwerb und geringfügige Tätigkeiten eingesetzt werden und die Saisonverträge nicht ausbremsen. Trotzdem tut die italienische Regierung gut daran, möglichen Missbrauch zu unterbinden. Arbeitsminister Poletti hat ein Änderungsdekret angekündigt.

Erstmals erscheinen in der samstäglichen Rubrik „Wirtschaft Quer“ der Neuen Südtiroler Tageszeitung

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